Zwischen Kaiser Hadrian und Kim Kardashian

Was Werner Faymann im Einkaufszentrum und Christian Kern in der Straßenbahn erlebte.

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Purger am Sonntag | Innenpolitik von Alexander Purger Alexander Purger

Endlich gibt es Neuigkeiten von Werner Faymann. Der Mann, den wir so lang entbehren mussten, hat vergangene Woche in Wien-Liesing den Brunnen in einem Einkaufszentrum eröffnet. Faymann knüpft damit an die großen Zeiten seiner Kanzlerschaft an, während der er einmal sogar eine Autobahnraststätte eröffnete. Das war damals ein so großer Erfolg, dass der Betreiber der Autobahnraststätte einen Film von der Eröffnung drehen ließ und ihn in allen seinen Autobahnraststätten auf Bildschirmen in Endlosschleife zeigte.

Ob das auch diesmal so sein wird, ob also in Hinkunft an jedem Dorfbrunnen in Österreich ein Mitschnitt von Faymanns Liesinger Brunnen-Eröffnung gezeigt wird, steht noch nicht fest. Interessant wäre so ein Film aber allemal, denn man fragt sich ja: Wie eröffnet man eigentlich einen Brunnen?

Jedenfalls ist es löblich, dass sich Werner Faymann Zeit für Brunnen-Eröffnungen nimmt. Denn Politiker, die sich keine Zeit nehmen, sind keine Politiker. Das musste schon der römische Kaiser Hadrian lernen. Als dieser einmal in wichtigen Amtsgeschäften durch Rom galoppierte, versuchte ihn eine Witwe anzuhalten und ihm eine Bittschrift zu überreichen. Hadrian erwiderte, er habe keine Zeit, und ritt weiter. Da rief ihm die alte Frau nach: "Wenn du keine Zeit hast, solltest du nicht Kaiser sein!" Hadrian soll daraufhin nachdenklich umgekehrt sein und sich der Sache der Witwe angenommen haben.

Die Lektion, die Hadrian damals am Wegesrand erteilt bekam, wirkt bis heute nach. Bis heute bemühen sich Politiker, den Eindruck zu vermitteln, dass sie sich Zeit fürs Volk nehmen. Vor allem vor Wahlen.

Faymanns Nachfolger Christian Kern nahm sich kürzlich eine ganze Stunde Zeit, um in Graz mit der Straßenbahn zu fahren und Zeit fürs Volk zu haben. Gut, es war keine normale Straßenbahn, sondern eine eigens ausgeschilderte "Kanzler-Bim", aber immerhin.

Interessant ist, was in dieser "Kanzler-Bim" passierte: Laut Medienberichten wollten die meisten Passagiere dem Kanzler nicht ihre Anliegen vortragen, sondern bloß ein Selfie mit ihm. Zur Erklärung: Ein Selfie - zu Deutsch Selbsti - ist ein Foto, das einen selbst mit einem Prominenten zeigt.

Für Kern muss das eine Enttäuschung gewesen sein. Er nahm sich eine Stunde Zeit, um dem Volk sein Ohr zu leihen, und dann wollte es nur sein Gesicht. Er gab dem Volk die Gelegenheit, am Kelch der Regierungsweisheit zu nippen, aber das Volk wollte nicht nippen, sondern knipsen. So, als wäre der Regierungschef so ein dahergelaufenes It-Girl wie Kim Kardashian, berühmt nur fürs Berühmtsein. Irgendwie schwer zu verstehen, das Volk.

Aufgerufen am 21.02.2018 um 12:32 auf https://www.sn.at/kolumne/purger-am-sonntag/zwischen-kaiser-hadrian-und-kim-kardashian-1009186

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