Anna Netrebko und die 783.000 Bundeskanzler

Wie eine Umfrage und die Premiere von "Il Trovatore" zum Spiegel für Österreich wurden.

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Purgertorium Alexander Purger
 SN/APA (Gindl)/BARBARA GINDL

Trauen Sie sich zu, Politiker zu werden? Ein Umfrage-Institut, das diese Frage kürzlich im Auftrag des "Standard" unters Volk streute, erntete überraschende Antworten: 31 Prozent der Österreicher trauen sich ohne Weiteres die Übernahme eines Ministeramtes zu. Zwölf Prozent sehen in sich einen möglichen Bundespräsidenten. Und neun Prozent finden in aller Bescheidenheit, dass sie eigentlich einen sehr passablen Kanzler abgäben.

Das macht bei 8,7 Millionen Österreichern 2.697.000 Minister, 1.044.000 Bundespräsidenten und schlanke 783.000 Bundeskanzler. Anders gesagt: Oberösterreich und die Steiermark bilden ein einziges großes Minister-Reservoir. Salzburg und Kärnten werden ausschließlich von verkannten Staatsoberhäuptern besiedelt. Und jeder Tiroler ist ein präsumtiver Regierungschef.

Und da sage noch einer, unser Land wäre arm an politischen Talenten. Wir haben sogar so viele davon, dass wir sie exportieren könnten: Sieben Prozent der Österreicher betrachten sich als Idealbesetzung für den Posten des Präsidenten der Europäischen Kommission! Das sind 609.000 Amtsanwärter. Man weiß nicht, worauf die EU noch wartet.

Am beruhigendsten ist aber, dass der Kanzler-Nachschub gesichert ist. Das Problem an den 783.000 Kern-Nachfolgern ist nur, dass sie alle in der ÖVP sitzen. Sich den Kanzler zuzutrauen, ist dort offenbar ein Aufnahme-Erfordernis. Entsprechend schlecht ist schon wieder die Stimmung in der Koalition.

Dieses rot-schwarze Drama in Fortsetzungen hat es nun sogar auf die Bühne geschafft. Am Sonntag hatte in der Wiener Staatsoper der "Troubadour" von Giuseppe Verdi Premiere, und die Handlung kommt einem irgendwie bekannt vor: Manrico und Graf Luna ringen um die Gunst der zauberhaften Leonora. Und obwohl sie eigentlich Brüder sind, tun sie das bis aufs Messer. Es werden Hexen verbrannt, Kinder gebraten und Sätze gezischt wie: "Stoß ihm das Schwert bis zum Heft in die Brust!" Kurz gesagt: Koalitionsalltag.

Zwischendurch taucht eine traumatisierte Roma und Sinti auf, aber in Wahrheit dreht sich alles um Leonora, in Wien dargestellt von der Stimme an sich - Anna Netrebko. In den zwei Herren, die pars pro toto um die Wählerstimme dieser österreichischen Staatsbürgerin kämpfen, sind unschwer die Chefs der beiden Koalitionsparteien zu erkennen, die ja eigentlich auch Brüder sein sollten.

Manrico ist der Tenor und hat die besseren Arien, das ist also Christian Kern. Insofern ist es betrüblich, dass er am Ende der Oper vom schwarzen Finsterling Graf Luna um die Ecke gebracht wird. Aber wie erwähnt haben wir ja 783.000 Zweitbesetzungen. Di quella pira!

Aufgerufen am 23.09.2018 um 08:03 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/anna-netrebko-und-die-783-000-bundeskanzler-396790

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