Bäume, auf denen Schafe wachsen

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Purgertorium Alexander Purger

In unserer Serie über weltberühmte, großartige Österreicher geht es heute ausnahmsweise nicht um den Bundeskanzler oder den Finanzminister, sondern um Friedrich Welwitsch.

Friedrich Welwitsch war ein Kärntner Botaniker, der im 19. Jahrhundert lange Zeit in Afrika forschte und dort eine überaus seltsame Pflanze entdeckte, die heute seinen Namen trägt - die Welwitschie. Wie ihr lateinischer Name Welwitschia mirabilis sagt, ist diese Pflanze ein Wunder, wenn auch nicht gerade ein Wunder an Schönheit.

Eigentlich sieht sie aus wie eine Agave, die mit dem Presslufthammer bearbeitet worden ist. Oder auf die sich ein übergewichtiger Elefant gesetzt hat. Jedenfalls eher traurig. Dennoch hat die Welwitschie weltweite Berühmtheit erlangt und es bis ins Staatswappen von Namibia geschafft.

Auch Welwitsch soll vollkommen ergriffen auf den Knien gelegen sein, als er sie entdeckte. Denn die auf dem Boden herumgrundelnde Pflanze besteht zwar nur aus zwei Blättern, ist aber ein Wunder an Genügsamkeit, kann in der trockensten Wüste gedeihen und wird angeblich mehr als 1000 Jahre alt.

Irgendwie kann man in der Welwitschia mirabilis also ein Symbol für den österreichischen Präsidentschaftswahlkampf sehen. Auch er ist eine triste Angelegenheit, besteht mittlerweile nur noch aus zwei Komponenten, ist staubtrocken wie die Wüste Namib und dauert bereits gefühlte 1000 Jahre.

Ganz anders läuft der US-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf ab. Er gleicht, um in der Welt der Botanik zu bleiben, einer Paradiesblume: schillernd, aufregend, spannend bis zuletzt.

Die beiden Wahlen haben nur eines gemeinsam. Man könne, heißt es, in beiden Fällen als vernünftiger Mensch nur den einen Kandidaten wählen. Der andere, heißt es, sei völlig indiskutabel. Diese Belehrungen haben Tradition, doch am Wahlabend wundern sich die Formulierer des "heißt es" dann immer, wie viele trotzdem den Indiskutablen gewählt haben. Das Wunderkraut gegen die nicht Diskutierenswerten scheint noch nicht gefunden zu sein.

Apropos Wunderkraut: Die Welt der Botanik hat überhaupt ihre wunderlichen Seiten. Lange Zeit soll man in Europa beispielsweise geglaubt haben, dass die Baumwolle von Bäumen in fernen Ländern stammt, auf denen Schafe als Früchte wachsen. Derartige Geschichten wurden von den Baumwollhändlern selbst aufgebracht, damit die Kunden die Pflanzen, von denen die Baumwolle tatsächlich stammt, nicht fanden und womöglich selbst anpflanzten.

Ähnlich wie bei der Baumwolle war es auch beim Zimt. Dieses Gewürz war eine kostbare Importware nach Europa und die Händler erzählten den Kunden, in Arabien gebe es Vögel, die aus Zimtstangen ihre Nester bauten. Um an die Stangen zu gelangen, müsse man die Nester langwierig suchen und die Vögel töten. Das erkläre den hohen Preis des Zimts, sagten die Händler.

Erinnern diese fantasievollen Geschichten nicht ein wenig an unsere Regierung? Sie behauptet ja auch, Reformen wachsen nur in entlegenen, schwer bis gar nicht zu erreichenden Konsens-Regionen. Und zwar auf sagenumwobenen Arbeitsgruppen- und Kommissionsbäumen, die man erst jahre- und jahrzehntelang mit einer winzigen Nagelfeile ansägen muss, ehe man sie fällen und so an die kostbaren, süßen Reformfrüchte gelangen kann.

Die solcherart geernteten Früchte werden dann in einem Zimtstangennest im Wipfel eines Schaffruchtbaums abgelegt, wo sie zwischen zwei Blättern der langlebigen Sozialpartner-Welwitschie für 1000 Jahre in strengster Abgeschiedenheit nachreifen.

Und dann ist die Reform auch schon fertig. Wunder Botanik.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 12:17 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/baeume-auf-denen-schafe-wachsen-916420

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