Das doppelte Reinholdchen und was uns Kern gab

Warum der nackte Politiker die meiste Loyalität bekommt. Und warum alle Theorien falsch sind.

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Purgertorium | Innenpolitik Alexander Purger

"War net Wien, wann net durt, / wo ka G'frett is, ans wurdt!" - Dieser berühmte Vers Josef Weinhebers (Übersetzung: "Unsere Bundeshauptstadt ist im Stande, aus dem Nichts den größten Wirbel zu machen.") lässt sich pro blemlos auf die ÖVP umlegen.

Seit ihr Kandidat beim ersten Wahlgang nur knapp vor dem Baumeister des Grauens gelandet und sang- und klanglos ausgeschieden ist, hat diese Partei mit der Hofburg-Wahl absolut nichts mehr zu tun. Also der ideale Anlass, daraus den größten Wirbel zu machen.

ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner geißelt es als Illoyalität, dass Klubobmann Reinhold Lopatka den Kandidaten B für den besseren Bundespräsidenten hält. Denn, so Mitterlehner, es sei offizielle Parteilinie, keine Wahlempfehlung für den 4. Dezember abzugeben. Dass er sowie ein ganzer Trupp anderer Schwarzer selbst Wahlempfehlungen abgegeben haben, und zwar für den Kandidaten A, war demgegenüber offenbar keine Illoyalität. Wenn das kein Weinheber'sches G'frett ist!

Aber was ist eigentlich Loyalität, die der eine Reinhold da vom anderen verlangt? "Die ergebene Loyalität des zuverlässigen Bediensteten geht einher mit einem gewissen Maß liebevoller Verachtung", schreibt Joseph Conrad in einem seiner Romane. Diese liebevolle Verachtung bewahre der Loyalität ihre Frische, denn: "Die Natur", so Conrad, "hat es gütig eingerichtet, dass niemand in den Augen seines Kammerdieners ein Held ist, sonst müssten die Helden ihre Kleider selbst ausbürsten."

Diese kluge Beobachtung, auf den aktuellen Fall umgelegt, würde bedeuten, dass Mitterlehner die gewünschte Loyalität dann bekäme, wenn er sich seinem Kammerdiener, äh, Klubobmann einmal ohne Kleider zeigte.

Wobei man jetzt fragen könnte: Tut Mitterlehner das politisch gesehen nicht ohnedies ohne Unterlass, nämlich sich ohne Kleider zeigen? Und zwar nicht nur vor Lopatka, sondern vor uns allen? Insofern müsste Mitterlehners Büro vor Loyalität nur so überquellen. Tut es aber nicht. An Joseph Conrads Theorie kann irgendetwas nicht stimmen.

Loyalität mit dem Parteichef ist etwas Kompliziertes, und zwar nicht nur in der ÖVP. Seit Christian Kern der FPÖ so freundliche Nasenlöcher macht, könnte es in der SPÖ ab sofort als Illoyalität gelten, gegen Rot-Blau zu sein. Also das zu tun, was bisher in der SPÖ als Gipfel der Morali- und Loyalität galt.

Weinhebers zitiertes Gedicht geht übrigens mit dem Vers weiter: "Denn des G'frett ohne Grund / gibt uns Kern (!), halt uns g'sund." So gesehen wäre unser Regierungschef also nur die Folge eines grundlosen Wirbels.

Nein, ausgeschlossen. Auch an Weinhebers Theorie kann irgendetwas nicht stimmen.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 05:21 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/das-doppelte-reinholdchen-und-was-uns-kern-gab-844951

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