Das geschriebene Katzenvideo

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Purgertorium Alexander Purger

Ein deutscher Literaturwissenschafter wurde kürzlich dazu eingeladen, Adalbert Stifters Roman "Witiko" zu besprechen. Der Wissenschafter drehte und wendete das Werk hin und her, begutachtete es aus allen Himmelsrichtungen und kam schließlich zu dem Schluss, dass die Sprache dieses Romans "nicht mehr parodierbar" sei.

Das ist eine höfliche Umschreibung für "unlesbar" und meint, dass Stifters ansonsten so schöne Sprache in diesem Buch derart verschroben und seltsam ist, dass keine parodistische Überhöhung mehr möglich wäre.

Woran erinnert das? Richtig, an den laufenden Wahlkampf. Auch er ist so endlos wie der 1000-Seiten-Wälzer "Witiko", weist eine ähnlich undurchschaubare Handlung auf und ist irgendwie nicht mehr parodierbar.

Man kann es daher niemandem verdenken, wenn er sich unterhaltsameren Dingen zuwendet, zum Beispiel Katzenvideos. Sie sind der letzte Schrei. Millionenfach werden sie angesehen, in Wien fand soeben ein Katzenvideo-Festival statt und kürzlich wurden Katzenvideos sogar zum Behufe bzw. Besamtpfote des Widerstandes eingesetzt.

Denn nach einem der grässlichen Terroranschläge der jüngsten Zeit schnellte im betroffenen Land die Nutzungszahl von Katzenvideos drastisch nach oben. Offenbar wollten die Menschen den Attentätern damit signalisieren, dass sie ihnen quasi den Katzenbuckel hinunterrutschen können.

So ist das mit den Katzenvideos. Verfasser ernsthafter Abhandlungen wie dieser können von den Klick-Zahlen, die Filme von putzigen, übereinanderpurzelnden Kätzchen im Internet ernten, nur träumen. Angesichts der enormen Nachfrage nach Katzenvideos (die sich nur mit dem Hunger nach Kochsendungen im Fernsehen und Krimis im Bücherregal vergleichen lässt), angesichts der brummenden Katzenvideo-Konjunktur also ist es eigentlich verwunderlich, dass die Wahlkämpfer noch nicht auf den Trend aufgesprungen sind. Zumindest mit dem Plakatspruch: "Katzen würden ... wählen". Aber nichts da, zumindest vorläufig nicht.

An dieser Stelle wird jetzt jedoch der gewiss untaugliche Versuch unternommen, auf der Katzenvideo-Welle mitzuschwimmen. Und zwar in Form eines schriftlichen, dafür aber persönlich erlebten Katzenvideos. Also:

Zum Abendessen sind Gäste eingeladen. Als Hauptgang bereitet man Saltimbocca vor. Sie wissen - diese köstlichen kleinen Kalbfleischröllchen mit Parmaschinken und Salbeiblättern. Bevor die Gäste eintreffen, rollt man 18 Rouladen, verschließt sie mit Metallspießchen und stellt sie auf dem Küchentisch zum späteren Braten bereit.

Gut. Die Gäste kommen, man bittet sie ins Wohnzimmer und serviert Aperitiv und Vorspeise. Wer jetzt kommt, und zwar aus der Küche, ist der Hund. Aus dem behaglich kauenden Maul hängt ihm ein Metallspießchen.

Man stürzt in die Küche, wo sich die beiden Katzen gerade genießerisch die rosigen Mäulchen lecken. Offensichtlich können sie Italienisch und wussten daher, dass Saltimbocca übersetzt "Spring ins Maul" heißt. Denn auf der Platte, auf der soeben noch 18 Fleischröllchen lagen, befinden sich nur noch deren drei. 15 Stück haben die lieben Katzen verzehrt bzw. auf den Boden befördert, wo schon der Hund wartete.

Was folgt, ist natürlich ein entsetzliches Donnerwetter. "Du, du, du!", droht man den Katzen mit dem Zeigefinger. Sie zeigen sich in nicht mehr parodierbarem Ausmaß beeindruckt: Sie rollen sich auf den Rücken und lassen sich die prallen Bäuchlein kraulen.

Am Ende ist man sogar noch froh, dass sich keines der Tiere mit dem Metallspießchen verletzt hat und serviert jedem Gast ein halbes Saltimbocca. Ende des Katzenvideos.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 02:00 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/das-geschriebene-katzenvideo-17222539

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