Sehnsucht nach Franz Joseph

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Purgertorium Alexander Purger

Am Montag begeht Österreich den 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph. Das heißt, es begeht ihn (mit Ausnahme einiger Ausstellungen zur Hebung des Fremdenverkehrs) eigentlich nicht. Denn politisch sind die Habsburger immer noch vermintes Gebiet.

Der erwähnte Fremdenverkehr lebt allerdings prächtig von ihnen. Allein die berühmte Sisi mit all ihren Sisi-Museen, Villen, Eisbechern, Zuckerln und Haarsternen erledigt mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod spielend das, was uns die Politik meist vergeblich verspricht: Sie schafft Arbeitsplätze.

Auch Schönbrunn mit den Räumen von Sisi und Franzl sind ein derartiger Besuchermagnet, dass das Schloss bereits an seine Kapazitätsgrenzen stößt. Mangels eines zweiten Schlosses Schönbrunn wird jetzt versucht, die Touristenströme zu anderen Sehenswürdigkeiten in Wien umzuleiten, zum Beispiel auf die Donauinsel.

Das wird sicher ein Erfolg. Die Bundeshauptstadt zeigt damit vor, wie's geht: Wenn einmal in Salzburg die Getreidegasse und Mozarts Geburtshaus den Ansturm nicht mehr verkraften, könnte man den Touristen vielleicht den Lieferinger Tunnel zeigen.

Nicht nur Museumsbetreiber, auch Antiquitätenhändler und Auktionshäuser sind mit dem ehemaligen Herrscherhaus überaus zufrieden. Denn Habsburger-Devotionalien verkaufen sich prächtig. Erst unlängst hat ein Konvolut davon um einen Millionenbetrag seinen Besitzer gewechselt. Und das "Bonjourl", Franz Josephs Morgenrock, wurde vor einigen Jahren um die stolze Summe von 160.000 Euro verkauft.

Wird man in 100 Jahren ebensolche Unsummen ausgeben, um einen Slim-Fit-Pyjama von Christian Kern oder Sebastian Kurz zu ersteigern? Man wird sehen. Vielleicht müsste man rechtzeitig den Markt aufbereiten. Kaiser Franz Joseph soll schon zu Lebzeiten seinem Kammerdiener Ketterl gestattet haben, hin und wieder ein allerhöchstes Schnupftuch zu versilbern, um Ketterls karges Salär aufzubessern.

Wäre das nicht eine überlegenswerte Variante für die soeben begonnenen Gehaltsverhandlungen im öffentlichen Dienst? Die Beamten bekommen zwar nicht mehr Geld, erhalten aber monatlich ein Taschentuch ihres Ministers oder Landeshauptmanns, das ihre Nachkommen dann in 100 Jahren um Tausende Kalifatspiaster verkaufen können. Oder wie die europäische Einheitswährung dann halt heißt.

Wobei es nicht immer ein Taschentuch sein muss. Auch franziskojosephinische Haarlocken im Samtetui (und mit Echtheitszertifikat!) sind heute echte Renner bei Versteigerungen.

Eine Politik, die langfristig denkt, würde schon heute regelmäßig Locken beiseitelegen, die dann einstmals in fernen Tagen zugunsten des Budgets versteigert werden können. Soweit man das beurteilen kann, scheint der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll der Einzige zu sein, der diesen Gedanken aufgegriffen hat.

Bleibt die Frage, warum es Zeitgenossen gibt, die eine solche Vorliebe für Andenken an Kaiser Franz Joseph und sonstige Habsburger haben. Sind die nicht irgendwie verdächtig? Zum Beispiel jene Herren, die ihr Büro ausgerechnet im ehemaligen k. u. k. Kriegs ministerium haben müssen, wie der Wirtschafts- und der Sozialminister.

Oder der Verein, der seine wöchentlichen Klubsitzungen unbedingt in der ehemaligen Geheimen Hofkanzlei der Habsburger abhalten muss, nämlich die österreichische Bundesregierung. Oder jene Herren, die um jeden Preis im Arbeitszimmer von Kaiser Joseph II. sitzen und ihre Sommerurlaube im ehemaligen Jagdhaus von Kaiser Franz Joseph verbringen wollen, also die Präsidentschaftskandidaten. Sehr verdächtig, diese Habsburg-Nostalgiker.

Aufgerufen am 20.11.2018 um 12:48 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/sehnsucht-nach-franz-joseph-873589

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