Das wahre Leben und sein Abklatsch

Was wir - neben vielen anderen Dingen - noch von Bob Dylan lernen könnten.

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Querschläger Fritz Messner

Unlängst hat Bob Dylan, der unvergleichliche Bühnenalchimist, bei einem Auftritt im Wiener Konzerthaus ein Lied abgebrochen, weil es ihn gestört hat, dass viele nur mehr durch das Handy geglotzt haben, anstatt zuzuhören. "Sollen wir spielen oder posieren?", giftete er ins Publikum und spielte erst weiter, als die Handys verschwunden waren.

An diese Geschichte musste ich in letzter Zeit bei mehreren Anlässen denken, denn die digitale Aufzeichnungswut der lieben Mitmenschen steigt exponentiell. Da kann es schon passieren, dass einem bei einer Schulaufführung ein dokumentationssüchtiger Elternteil zwei volle Stunden lang ein über Kopfhöhe gehievtes Tablet vor die Nase hält, um damit die Performance des Nachwuchses lückenlos festzuhalten. Sogar in der Kirche wird bei manchen öffentlichkeitswirksamen Anlässen pausen- und gnadenlos gefilmt, was folgenden Dialog mittlerweile durchaus realistisch erscheinen lässt: "Gehst du zur Hochzeit deiner Tochter?" "Nein, ich schau's mir auf Facebook an."

Dass das oft einfach stört, ist die eine Seite, die andere, die mich eigentlich mehr interessiert, ist die Frage, was wir dadurch gewinnen und was verlieren. Wir gewinnen eine Aufzeichnung, also einen Abklatsch, und wir verlieren den Moment, das wirkliche Leben, das man - vor allem bei wichtigen Anlässen - mit allen Sinnen ungeteilt erfassen sollte. Festhalten kann man es sowieso nicht.

Dass wir solche besonderen Augenblicke dokumentieren wollen, ist nichts Neues und nichts Verwerfliches, aber vielleicht sollten sie einfach von einem Unbeteiligten gefilmt und dann mit Download-Link für alle anderen in das Netz gestellt werden, damit die sie ungestört und in Echtzeit (er)leben können.

Aufgerufen am 17.09.2019 um 10:48 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/das-wahre-leben-und-sein-abklatsch-70274866

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