Die gefühlte Jahrtausendkälte

Hätten wir sie ohne die unverzichtbaren Expertentipps überhaupt überstanden?

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Querschläger Fritz Messner

Wenn Sie diese Zeilen lesen, hat sie wahrscheinlich schon ihren Höhepunkt überschritten, die unglaubliche, unerbittliche, sämtliche Superlative sprengende Jahrtausendkälte. Wie ein eisiger Kristallkomet zog sie klirrend ihre Bahn von den unendlichen Weiten der sibirischen Weltgefriertruhe in das verwärmte Herz Mitteleuropas. Und dass wir ihr widerstehen konnten, lag einzig und allein an der umfassenden Vorbereitung durch unsere Medien.

Fast eine Woche lang wurden wir mit Prognosen, möglichen Szenarien und vor allem mit unzähligen Expertentipps auf den Ernstfall vorbereitet. Was hätten wir verweichlichten Klimawandler zum Beispiel ohne den Ratschlag eines Rundfunkmediziners gemacht, dass man sich bei großer Kälte - und bitte passen Sie jetzt genau auf - entsprechend warm anziehen sollte? Woher hätte das der mündige Bürger wissen sollen, ohne Kälte-App am Smartphone? Oder woher sollen junge Mensch heute wissen, dass man beim Vorglühen von Dieselmotoren nicht einfach Alkopops oder Wodka in den Tank gießt? Und wer ist schuld, wenn trotz aller Expertentipps doch etwas passiert? Wen kann der rundum verhätschelte Skitourist klagen, wenn er sich beim sibirischen Wedeln etwas abfriert - den Wetterdienst, den Liftbetreiber, die Bekleidungsfirma oder den Hüttenwirt, der ihn nicht vorsorglich zu seinem Schutz eingesperrt hat? Und vor allem: Gibt es neben der Skala für gefühlte Kälte auch eine für sinnlose Aufgeregtheit und ist die nach oben offen?

Aber jetzt kommt schon die nächste Herausforderung auf uns zu, denn am Wochenende kommt die Wärme zurück. Und als ausgewiesener Thermo-Experte gebe ich Ihnen einen Insider-Tipp: Ziehen Sie dann die warme Kleidung wieder aus.

Aufgerufen am 19.09.2018 um 11:43 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/die-gefuehlte-jahrtausendkaelte-24818824

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