Ein Drucksystem ohne Ventil

Was das noch immer vorherrschende Männerbild im Extremfall auslösen kann.

Autorenbild
Querschläger Fritz Messner

Eine so schreckliche Bluttat wie jene von Kitzbühel wirft immer auch die Frage nach den Ursachen auf. Eine davon ist - da bin ich mir ganz sicher - das auch bei uns immer noch vorherrschende (Selbst-)Bild von Männern. Männer müssen schmerzfreie Macher und Sieger sein und vor allem dürfen sie keine Schwächen zeigen oder die gar formulieren, egal wem gegenüber.

Diesem Bild kann eigentlich niemand gerecht werden und es erschwert ungemein, dass junge Männer lernen, mit Niederlagen oder Verlusten umzugehen, ohne Kränkungen zu erleiden. Und diese Sprachlosigkeit und das ungeschriebene Gesetz, als Mann nie Gefühle zeigen zu dürfen, bilden ein seelisches Drucksystem, dem praktisch das Ventil fehlt. Deshalb erhöht sich der (Leidens-)Druck, den Niederlagen und Verluste, die jeder in seinem Leben erfährt, aufbauen, im ungünstigsten Fall so weit, dass der Kessel explodiert und es zu Gewaltausbrüchen oder im Extremfall gar zu solch grauenhaften Taten kommt.

Ich bin kein Psychologe und kein Psychiater, weiß aber als jemand, der seit
45 Jahren Lieder schreibt, was allein die Formulierung, das Niederschreiben oder Aussprechen von Gefühlen, die einen beschäftigen oder belasten, an Druck abbauen und so in positiver Hinsicht bewirken kann. Ich will hier nicht vorschlagen, dass jetzt alle jungen Männer Lieder und Gedichte schreiben sollen, obwohl das sehr vielen sehr guttäte, aber einen Gedanken möchte ich ihnen schon noch mitgeben: Man kann der tolle, von allen bewunderte Supertyp sein und dutzende Freunde zum Schmähführen und Feiern haben - ohne einen Menschen, mit dem man über alles reden und dem man sich wirklich offenbaren kann, sind die im Ernstfall alle wertlos.

Aufgerufen am 17.10.2019 um 12:05 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/ein-drucksystem-ohne-ventil-77484205

Kommentare

Schlagzeilen