Rituale eines praktizierenden Skiiten

Von tapferen Märtyrern, gähnenden Abgründen und singenden Engeln.

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Querschläger Fritz Messner

An den höchsten Festtagen unserer Nationalreligion rund um die Krönungsmesse von Kitzbühel und die Night-Race-Mette von Schladming ist es die heilige Pflicht jedes Gläubigen, ausnahmslos allen sakralen Höhepunkten zumindest televisionär beizuwohnen, wenn sie nicht an Pilgerfahrten zu einer der kanonisierten Wallfahrtsstätten teilnehmen können. Und so pflege auch ich die vorgeschriebenen Rituale und verbringe ganze Tage und halbe Nächte - in mein von der Liturgie vorgeschriebenes rot-weiß-rotes Ballonseide-Ornat gegossen - andächtig vor dem digitalen Herrgottswinkel und schwitze Blut und Tränen, wenn unsere tapferen Märtyrer die schweren Prüfungen, die ihnen an Mausefalle, Steilhangausfahrt und Hausbergkante auferlegt werden, mit gottgegebenem Geschick bestehen, oder aber von der teuflischen Macht der Schwerkraft kopfüber in gähnende Abgründe geschleudert werden, bis sie die Engel singen hören.

Vom neuerdings "Warm Up" genannten Rorate, gefühlte fünf Stunden vor Rennbeginn, bis zur zwölften Wiederholung der im zünftigen, sprachgecoachten Dialekt vorgetragenen Analyse eines vor hemdsärmeliger Sympathie nur so strotzenden Experten-Veteranen kurz vor Mitternacht sitze ich vor meinem Flachbild-Altar und sende Stoßgebete zu den kristallenen Kultstätten. Und wenn ich dann zum Abschluss meiner Exerzitien noch einmal in mich gehe und spätnachts mit wohligem Schauer über den Mitschnitten der spektakulärsten Stürze des Tages in Superzeitlupe meditiere, bin ich unendlich dankbar, dass es strenggläubigen Skiiten wie mir bei ewiger Verdammnis ausnahmslos verboten ist, sich selbst zwei Bretter an die Füße zu schnallen und sich aushäusig den Gefahren der schiefen Ebene auszusetzen.

Aufgerufen am 10.12.2018 um 08:38 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/rituale-eines-praktizierenden-skiiten-23359573

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