Die Erschütterung über die rund 300 vor Lampedusa Ertrunkenen dauerte noch kürzer als angenommen. Statt dem Sterben im Mittelmeer endlich ein Ende zu machen, sucht Europa nach Möglichkeiten, um die Menschen am Überqueren desselben zu hindern. Mit jeder Form von Gewalt. Die spanische Polizei rechtfertigt ihr jüngstes Vorgehen, das viele Menschenleben forderte, schlicht mit angeblicher Notwendigkeit und der Tatsache, dass man ohnehin "nur" Gummigeschosse eingesetzt habe. Auf Verzweifelte zu schießen ist also in diesem Europa des 21. Jahrhunderts "gerechtfertigt".
Jedes Mal, wenn dergleichen geschieht - und es geschieht in jüngster Zeit immer öfter - machen die politisch Zuständigen besorgte Gesichter, sprechen von einer Tragödie und versprechen Abhilfe. Die Verzweifelten nehmen dieses Versprechen dann für bare Münze, obwohl wir inzwischen längst wissen, dass es ausschließlich bedeutet, die Grenzen noch dichter zu machen.
Dieses Europa - das seinerzeit als Friedensprojekt entstand und verhindern sollte, dass sich die Gräuel der beiden großen Weltkriege und des Holocaust wiederholen - dieses Europa also scheint inzwischen an nichts anderem mehr interessiert zu sein, als an der Abschottung gegenüber dem Rest der Welt. Womit allerdings der Grundgedanke der Europäischen Union ad absurdum geführt wird - denn ein Friedensprojekt auf Kosten derer, die das Pech haben, nicht innerhalb dessen Grenzen zu leben, verdient diesen Namen nicht.
Europa hätte eigentlich die Aufgabe, gerade aufgrund seiner historischen Erfahrungen ganz anders zu agieren. Zuallererst als Friedensstifter und gleichzeitig als echter Entwicklungshelfer - Entwicklungshelfer nicht im Sinn von ein bisschen Geld und vielen schön klingenden Worten, sondern als Entwicklungshelfer im Sinn von Schaffung einer neuen, gerechteren Gesellschaft, die ihre Mitglieder nicht nur ernähren, sondern ihnen auch ein menschenwürdiges Leben bieten kann. Stattdessen benutzt man, was man von allen außerhalb der Grenzen Europas brauchen kann - und zwar ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht - und überlässt jene sich selbst, die nach jahrhundertelanger Ausbeutung durch all jene europäischen Mächte, die jetzt so sehr darauf bedacht sind, Europa zur Festung umzubauen, schwer darniederliegen. Deren Probleme, so der europäische Tenor, sind selbst gemacht und gehen uns nichts an. Was natürlich eine Lüge ist. Zum einen weil "wir" - also Europa - durchaus jene Probleme mit geschaffen haben, die sich da jetzt auftürmen, und weil "wir" zum Zweiten früher oder später direkt mit diesen Problemen konfrontiert werden, ob wir wollen oder nicht. Auf Menschen, die vor Mord und Totschlag, Hunger und Elend flüchten, zu schießen, ist dieses Friedensprojekts Europa nicht nur nicht würdig - es ist eine große Schande.
