Die Angst der Fanatiker vor der Geschichte

Zum Beispiel Afghanistan und Mali: Radikale Wahnsinnige üben sich gerne im Vernichten all dessen, was aus der Vergangenheit zurückgeblieben ist. Und was tun wir zum Schutz unseres kulturellen Erbes?

Scholls Welt SN

Als die Sowjetunion untergegangen war, begann in Moskau die Jagd auf sowjetische Straßennamen. Wo es ging, wurden diese wieder durch die alten vorsowjetischen ersetzt. Denkmäler wurden abgerissen und entsorgt - auch architektonische Juwele vom Beginn des 20. Jahrhunderts wurden nicht verschont. So wie man 1917 versucht hatte, die gesamte bisherige Geschichte auszulöschen, indem man Gebäude schliff und Straßennamen änderte, so versuchte man 1991 und danach, die gesamte sowjetische Geschichte aus dem kollektiven Gedächtnis zu entfernen, zumindest aus dem visuellen Teil dieser Geschichte.

Wohl kann man die Verbrechen an der Kulturgeschichte der Menschheit, die seinerzeit in Afghanistan geschehen sind und heute in der Wüstenstadt Timbuktu geschehen, nicht mit diesen Vorgängen vergleichen, weil ja jeder Vergleich hinkt. Doch gibt es da Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel, die Weigerung, sich ehrlich und ernsthaft mit dem auseinanderzusetzen, was die eigene Vergangenheit war und was die betroffenen Kulturdenkmäler über ihre oberflächliche Bedeutung hinaus darstellen. Zum Beispiel die Angst vor menschlicher Größe, freiem Denken, vor der Fähigkeit, Schönheit zu schaffen, die den Menschen Vergnügen bringt.

Die Zerstörung der Buddha-Statuen in Afghanistan, die Vernichtung heiliger - und übrigens muslimischer - Grabstätten in Timbuktu sind vor allem aber Ausdruck der großen Angst von Fanatikern, ihre Ansichten mit anderen Mitteln nicht weitergeben zu können. Das Ausmaß der barbarischen Vernichtungsfeldzüge zeigt gleichzeitig auch das Ausmaß dieser Angst.

Das ist die wichtigste Parallele zu den Vorgängen im Russland der Revolutionsjahre und im postsowjetischen Russland. Wer sich seiner Sache sicher ist, muss nicht Kunst zerstören, um seine Meinung zu demonstrieren. Wer sich seiner Sache sicher ist, kann doch sicherlich Toleranz zeigen und zulassen, dass bestehen bleibt, was einmal geschaffen wurde und heute Freude bereitet - und den Menschen erlaubt zu verstehen, wo sie herkommen und was sie ausmacht. Der Wunsch so zu tun, als habe bis zur eigenen Machtübernahme eine Art Vakuum geherrscht, in dem es nichts Bewahrenswertes geben konnte, ist der Wunsch, anerkannt zu werden und nicht um die Zuneigung der Menschen kämpfen zu müssen. Diktatoren brauchen diese Ausschließlichkeit, um sich sicher fühlen zu können. Fanatiker aller Couleurs brauchen sie, um sich keiner Diskussion stellen zu müssen.

Dem muss sich die gesamte demokratische, liberale, humanistische Welt entschieden widersetzen. Die Zerstörung der weltweiten Kulturgeschichte ist eine Gefahr, die nicht nur das ferne Afghanistan oder das ferne Mali betrifft. Sie bedroht auch uns in unseren reichen Staaten, wo so viel gesprochen und so wenig getan wird, um den Schutz unseres kulturellen Erbes zu gewährleisten.



Aufgerufen am 23.09.2018 um 10:07 auf https://www.sn.at/kolumne/scholls-welt/die-angst-der-fanatiker-vor-der-geschichte-5963104

Schlagzeilen