Russlands Umgang mit Naturkatastrophen

Der Staat versagt sowohl bei der Prävention als auch bei der Soforthilfe.

Scholls Welt

Eie heftigen Regenfälle waren sicher nicht zu verhindern - die katastrophalen Folgen für die Bewohner der südrussischen Städte am Schwarzen Meer schon. Der Umgang der russischen Führung mit den Naturgewalten setzt die Sicherheit der Menschen an die letzte Stelle. Bürger dieses so reichen und so schwierigen Landes sagen bei vielen Gelegenheiten, was in Russland von Staats wegen geschehe, sei "nicht für Menschen gemacht".

Im Fall unkontrollierbarer Naturkatastrophen muss diese Feststellung nur geringfügig abgewandelt werden. Statt zu allererst an das Wohlergehen der Menschen in den bedrohten Gebieten zu denken, haben die Regionalbehörden offenbar vor allem die Sicherheit der Ölexporte - und möglicherweise auch die der Villa von Präsident Putin bei Sotschi - im Blick gehabt.

Die Welle kam mitten in der Nacht - und die, die das Unglück überlebt haben, sind überzeugt, dass ein Staudamm weiterhin oben geöffnet worden sei, um die Gefahr für den Ölhafen Novorossysk zu minimieren. Novorossysk ist tatsächlich ein sehr wichtiger Ölhafen, und Putins Russland ist nach wie vor von den Petrodollars abhängig. Darüber hinaus gibt es bisher keine wirklich unabhängige Bestätigung dafür, dass der Damm absichtlich geöffnet worden sei. Sicher ist allerdings, dass die Gefahr groß war - und niemand die direkt betroffenen Städte vorsorglich warnen oder gar evakuieren ließ. Sodass die Menschen im Schlaf überrascht - und viel zu viele getötet wurden.

So sind die verzweifelten Bürger der Region jetzt nicht nur sehr wütend, sondern sie können sich auch vorstellen, dass man den Tod ihrer Angehörigen und die Zerstörung ihrer Existenz bewusst in Kauf genommen haben könnte, um den Ölhafen - oder vielleicht sogar auch die Putin-Villa - zu retten. Das darf vor diesem Hintergrund nicht wirklich verwundern.

Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass einfach Unachtsamkeit und Schlamperei im Spiel waren, wesentlich größer gewesen ist, werfen diese Vorfälle doch ein bezeichnendes Bild auf den Zustand Russlands. Als 2011 die Wälder im ganzen Land in Flammen standen, waren die Menschen genau so auf sich selbst gestellt wie jetzt die Bewohner des überschwemmten Kuban. Wie so oft kamen damals und kommen jetzt die Hilfsmaßnahmen zu spät und zu zögerlich. Ganz abgesehen von den Halbwahrheiten und ganzen Lügen, die bei solchen Gelegenheiten regelmäßig über staatlich kontrollierte Medien verbreitet werden.



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