Billiges Geld und billige Polemik - beides könnte teuer werden

Kritik an Notenbanken und ihrer Geldpolitik ist zulässig. Aber sie steht Politikern schlecht an, die ihre Hände selbst in den Schoß legen.

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Soll und Haben Richard Wiens

Notenbanker zu sein, war auch schon einmal lustiger. Janet Yellen, Präsidentin der US-Federal Reserve, muss seit Wochen wüste Schimpftiraden des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump über sich ergehen lassen. EZB-Präsident Mario Draghi steht ohnehin im Dauerfeuer der Kritik, seit er die Geldschleusen weit geöffnet hat. Und seit dem Votum der Briten für einen EU-Austritt sieht sich auch Mark Carney, lange hochgelobter Gouverneur der Bank of England, immer wieder mit Aufforderungen zum Rücktritt konfrontiert.

Lang vorbei sind die Zeiten, in denen Politiker an den Lippen von Notenbankern hingen und ihre Äußerungen als Evangelium nahmen. Selbst Fed-Langzeitchef Alan Greenspan musste nach Ausbruch der Finanzkrise die bittere Erfahrung machen, dass an seinem Nimbus als Guru der Märkte heftig gekratzt wurde. Zuvor war er als Magier der Geldpolitik geradezu vergöttert worden. Seine regelmäßigen Auftritte vor den Abgeordneten im Kongress gerieten nicht selten zu Huldigungen, die hart an der Grenze des Peinlichen vorbeischrammten.

Jetzt donnert Trump, Yellen solle sich dafür schämen, was sie den USA mit ihrem Zaudern beim Erhöhen der Zinsen antue. Sie halte so den US-Aktienmarkt künstlich am Laufen, um Präsident Barack Obama nicht wehzutun, Yellen stehe unter dessen Fuchtel. Versuche von Politikern, Notenbanker gefügig zu machen, gab es freilich immer wieder. Gerade in den USA, wo die Fed formal ein verlängerter Arm der Regierung, aber de facto unabhängig ist.

So warnte US-Präsident Lyndon B. Johnson 1965 den damaligen Notenbankchef William McChesney Martin davor, im Kampf gegen die Inflation die Zinsen zu erhöhen. Johnson zitierte Martin dazu auf seine Ranch in Texas, dort soll er den Währungshüter gegen eine Stallwand gedrängt haben, um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Verbürgt ist die Geschichte nicht, Martin blieb jedenfalls standhaft. So betrachtet hat Yellen noch Glück, dass es Trump bisher bei verbalen Ausritten belässt.

Meist wird Kritik an Notenbankern subtiler vorgebracht, sie ist deshalb aber nicht weniger scharf. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble verstieg sich heuer zur Behauptung, Draghis Geldpolitik sei zur Hälfte für den Aufstieg der rechtsgerichteten Partei AfD verantwortlich. Aber Draghi ist Kummer gewohnt, er war auch schon auf dem Cover des "Handelsblattes" abgebildet, wie er sich eine Zigarre mit einem brennenden 100-Euro-Schein anzündet.

BoE-Gouverneur Mark Carney, der ob seines Aussehens als George Clooney der Zentralbanker bezeichnet wird, wiederum ist Opfer seiner klaren Haltung zum Brexit. Dem Kanadier, der als erster Ausländer an der Spitze der mehr als 300 Jahre alten Bank of England steht, schlägt seit der Warnung, der EU-Austritt könnte die britische Wirtschaft in die Rezession drücken, die Verachtung der Brexit-Befürworter entgegen. Sie fordern lautstark Carneys Rücktritt.

In den Chefetagen der Zentralbanken - und nicht nur dort - sehnt man sich nach der Zeit zurück, in der Geldpolitik als langweilig galt. In der es kaum jemanden interessierte, wenn sich der Leitzins änderte. Dazu müssen Politiker erkennen, dass es, bei aller berechtigten Kritik, nicht reicht, sich an den Notenbankern abzuarbeiten, sondern dass sie selbst Hand anlegen müssen. Sich zurückzulehnen und den Volkszorn über niedrige Zinsen zu befeuern, ist billig, kommt aber langfristig alle teuer zu stehen.

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