Bob Dylan und die Poesie der Ökonomie

Das Nobelpreiskomitee wandelt auf neuen Wegen. Da tun sich auch in der Wirtschaft für ganz neue Kandidaten Chancen auf.

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Soll und Haben Richard Wiens

Jetzt, wo mit der Vergabe des Nobelpreises an Bob Dylan die Grenzen der Literatur neu gezogen wurden, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten für das Preiskomitee. Es kann auch andernorts neues Terrain betreten, etwa bei den Wirtschaftswissenschaften. Künftige Laureaten müssen nicht mehr zwingend bahnbrechende Theorien und schwer verständliche ökonometrische Modelle vorweisen. Man kann auch Vertreter der angewandten Ökonomie vor den Vorhang bitten, etwa Banker, die in der jüngeren Vergangenheit mit Taten und Worten mehr zum Verständnis von Wirtschaft beitrugen als so mancher Ökonom.

Ein Beispiel liefert aktuell der Vorstandschef von Wells Fargo, John Stumpf. Von ihm finden sich drei schöne Sätze auf der Homepage der Bank. "Integrität ist keine Ware. Es ist die seltenste und wertvollste persönliche Charaktereigenschaft. Sie ist der Kern der Reputation einer Person und eines Unternehmens." Selten hat jemand das geschriebene Wort so ernst genommen wie Stumpf. Er ist jetzt zurückgetreten, nachdem 5000 Mitarbeiter ihren Job verloren haben, weil sie illegal Konten für Kunden eröffneten und den Begriff Dienstleistung ganz neu definierten.

Ein preiswürdiger Anwärter wäre auch Lloyd Blankfein. "Ich bin bloß ein Banker, der Gottes Werk verrichtet." Prägnanter als der Chef der Investmentbank Goldman Sachs kann man nicht ausdrücken, wie sehr die Welt verkennt, was Banker Gutes für die Gesellschaft tun. Das ist wohl noch zu wenig für den Friedensnobelpreis, aber ein Anfang ist gemacht.

Ein ganz heißer Tipp sind auch die Notenbanker. "Die Zinsen müssen jetzt niedrig sein, damit sie später höher sein können." Das ist nicht nur ein poetischer Satz, den Mario Draghi gesagt hat. Der EZB-Präsident empfiehlt sich damit auch für den Physiknobelpreis, indem er Newtons Gravitationsgesetz auf die Ökonomie umlegt. Dass der Leitzins nicht nur in den Keller fallen, sondern sogar negativ werden kann, wirft völlig neue Fragen der Schwerkraft auf.

Bleibt noch der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan. "Ich hoffe, ich war zweideutig genug . . . Wenn Sie glauben, mich verstanden zu haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt . . . Ich weiß, dass Sie glauben, Sie wüssten, was ich Ihrer Ansicht nach gesagt habe. Aber ich bin nicht sicher, ob Ihnen klar ist, dass das, was Sie gehört haben, nicht das ist, was ich meinte." Greenspan hat aus der trockenen Prosa der Notenbanker eine Poesie der Geldpolitik gemacht. Ihn als Bob Dylan des Geldes zu bezeichnen ist nicht vermessen. Jetzt liegt es an Stockholm.

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