Das Wohl der Gemeinschaft und die Last der Solidarität

Donald Trump will für einen Dollar regieren und Josef Ackermann will nichts zurückzahlen. Beide treibt nur das Wohl der anderen.

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Soll und Haben Richard Wiens

Donald Trump will sein Amt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika also um eine symbolische Gage von nur einem Dollar ausüben. Das ist selbst angesichts der Tatsache, dass der Greenback im Gefolge der Wahl zu anderen Währungen kräftig aufgewertet hat, ein äußerst bescheidenes Salär.

Aber als Multimilliardär kann es sich Trump eben leisten, locker auf 400.000 Dollar Jahresgehalt zu verzichten und sich als Wohltäter zu inszenieren. Die Botschaft an die Menschen draußen, an das gemeine Volk, lautet: Ich stelle mein persönliches Wohl hinter eures zurück.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz soll angeblich schon ganz neidisch über den Atlantik blicken, wie leicht Ein-Dollar-Jobs in den USA in die Tat umzusetzen sind, während die von ihm vorgeschlagenen Ein-Euro-Jobs in Österreich auf so viel Widerstand stoßen. Aber wer weiß, wenn Politiker bei ihrer Arbeit fürs Gemeinwohl mit gutem Beispiel vorangingen, ist vielleicht auch in Österreich alles möglich.

Für das Land arbeiten will auch der Schwiegersohn Trumps, Jared Kushner, selbstverständlich auch ohne Gage. Er soll eine wichtige Funktion in der Regierung Trumps erhalten, ungeachtet der ziemlich schiefen Optik, dass die politische Führung der USA damit zu einem Family Business zu werden droht. Und ungeachtet von US-Gesetzen, die Nepotismus in öffentlichen Funktionen verbieten. Kushner ist wie sein Schwiegervater im Immobilien geschäft tätig und zudem Besitzer der Zeitung "New York Observer". Eine derart offen gelebte Vetternwirtschaft, wie sie sich unter dem neuen Präsidenten abzeichnet, kannte man bisher nur aus sozialistischen Ländern, nicht aber aus aufgeklärten Demokratien im Westen.

Aber wir leben ganz offensichtlich in einer Zeit, in der die Begriffe verrutschen. Dass man gemeinnützige Tätigkeit und Solidarität auch völlig anders interpretieren kann als allgemein üblich, zeigt die jüngste Debatte über die Absicht der Deutschen Bank, früheren Vorständen nachträglich ihre Boni zu kürzen. Langzeit-Vorstandschef Josef Ackermann wies dieses Ansinnen dieser Tage öffentlich zurück. Allerdings nicht, weil es ihm an Einsicht oder der Bereitschaft zum Verzicht mangelt. Nein, er tut es aus Solidarität zu seinen Kollegen.

Er habe schon 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise auf fünf Millionen Euro verzichtet und damit Kollegen unter Druck gesetzt, sagte Ackermann bei einem öffentlichen Auftritt. Das könne er heute nicht mehr tun, ohne für jüngere Manager mitzuentscheiden. So viel Mitgefühl ist selten geworden in den Etagen des Top-Managements. "Man merkt die Absicht, aber man ist verstimmt", zitierte Ackermann leicht abgewandelt Goethes Torquato Tasso. Der gebürtige Schweizer hätte sich besser an Schiller und dessen Wilhelm Tell gehalten. "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen."

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