Geld oder Leben - Angela Merkel am Bankschalter

Welcher Satz wird von dieser Woche in Erinnerung bleiben? Da fällt die Wahl relativ leicht, es ist eindeutig die Aussage der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, wonach es keine Eurobonds geben werde, "solange ich lebe".

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Soll und Haben Richard Wiens

Eigentlich war es nur ein Nebensatz, aber der könnte es in die Geschichtsbücher schaffen. Und es war eine für Merkel höchst ungewöhnliche Aussage, weil sie keine nachträgliche Interpretation, kein Relativieren zulässt. Geld oder Leben - dazwischen gibt es nichts.

Vielleicht sieht das Angela Merkel ja tatsächlich so. Ohnehin verstärkt sich der Eindruck, dass die deutsche Kanzlerin die Rezepte, mit denen andere versuchen, die Schuldenkrise in der Eurozone zu überwinden, als einen großen Banküberfall erlebt. In diesem Kriminalstück übernimmt Merkel die undankbare Rolle der Schalterbeamtin, die unbeeindruckt von allen Drohungen auf das Geld aufpasst. Mittlerweile wissen alle, dass die Kasse zu bleibt, selbst wenn man ihr mit der Forderung Geld oder Leben kommt. Merkels Haltung erklärt sich daraus, dass sie nur zu gut weiß, dass ihr das beharrliche Ablehnen des Wunsches nach mehr Geld das politische Überleben zu Hause sichert.

Ihre Europartner möchten der deutschen Kanzlerin wohl mit Schillers Don Carlos zurufen: "Königin! O Gott, das Leben ist doch schön", und sie so milde stimmen. Erhört werden sie nicht. Merkels Linie beschreibt ein Vers aus einem anderen Schiller-Opus, "Die Braut von Messina": "Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Der Übel größtes aber ist die Schuld." Wobei Merkel Schuld mit Schulden gleichsetzt. Auch für die ökonomischen Tugenden des deutschen Volkes hält der Dichterfürst eine Metapher bereit: "Des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil."

Überhaupt waren die Tage vor dem Gipfel von starken Ansagen geprägt. "Wir sollten uns mental darauf einstellen, den Rest dieses Jahrzehnts in der Krise zu stecken", tönte der finnische Europaminister Alex Stubb, um hinzuzusetzen: "Es ist eine existenzielle Krise, aber es ist wahrscheinlich die beste Krise, die wir je hatten." Nicht fehlen darf hier die Warnung von Italiens Ministerpräsident Mario Monti, wonach es gefährlich sei, die Italiener zu entmutigen. Dann könnten Kräfte freigesetzt werden, die die europäische Integration und den Euro "zur Hölle fahren lassen".

Aus Merkels Sicht steht man schon davor. Sie würde über dem Sitzungssaal des EU-Rats wohl gern die Inschrift anbringen lassen, die in Dante Alighieris "Göttlicher Komödie" über dem Tor zur Hölle steht: "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!" Dante zu zitieren, viel weiter können Deutsche Italien kaum mehr entgegenkommen.

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