Großes Theater auf der Bühne der Wirtschaftspolitik

Politik, sagt man, sei die Kunst des Möglichen. Auf der Politbühne Österreich wird sogar das Unmögliche zur Kunst erhoben.

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Soll und Haben Richard Wiens

Salzburg hat ein neues Jedermann-Duo und in Wien werden nächsten Montag die Nestroy-Preise für die besten Mimen, Regisseure und Autoren verliehen. Es ist eine Hochzeit für das Theater, aber auch auf der Bühne der Wirtschaftspolitik dürfen wir Spitzenleistungen bestaunen, die es gebührend zu würdigen gilt.

Die Jury tat sich heuer angesichts vieler großartiger Darbietungen schwer, aber dass Bundeskanzler Christian Kern nicht ohne Preis davonkommen würde, lag auf der Hand. In der Laudatio auf Kern wird betont, wie rasch sich der Jungstar auf der Politbühne eingearbeitet hat. Ausdrücklich gelobt wird die äußerst gewagte Interpretation des Roosevelt'schen "New Deal", die das Original verblassen lässt. Die Juroren heben zudem Kerns Verwandlungskünste hervor, namentlich beim Freihandelsabkommen CETA. Kern verkörpere "Das weite Land", er eröffne einen tiefen Blick in das Verborgene der österreichischen Seele. Jede Preisskulptur trägt ein Zitat von Johann Nestroy. Auf jener für Kern steht: "Je tiefer ich in meinen Ideen das Senkblei auswerfe, desto mehr finde ich in mir den Abgrund der Widersprüche."

Bei Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, der für seine Leistung in "Der Zerrissene" ausgezeichnet wird, streicht die Jury hervor, wie gut es ihm gelingt, seine innere Gemütslage hinter perfekter Mimik und Gestik zu verbergen. Beispielhaft genannt wird die öffentlich zur Schau getragene Zufriedenheit über die lauwarme Reform der Gewerbeordnung und die widersprüchliche Haltung seiner Partei zum Freihandel. Auf Mitterlehners Preis prangt das Zitat: "Ich habe auch meine Stunden der Empörung, aber ich verstecke sie, weil ohnmächtige Empörung lächerlich ist."

Einen Wirtschafts-Nestroy teilen sich Sozialminister Alois Stöger und Finanzminister Hans Jörg Schelling für ihre Adaption der Shakespeare-Komödie "Viel Lärm um nichts". Die Jury würdigt ihre heroischen, aber letztlich erfolglosen Bemühungen, die Mindestsicherung zu vereinheitlichen und die kalte Progression abzuschaffen. Nestroy sagt dazu: "Das ist eine Eigenheit unserer Kunst, dass wir beständig das spielen wollen, wo wir kein Talent dazu haben."

In Österreich blickt man gerne über den Tellerrand und nimmt auch Spitzenleistungen jenseits der Grenze wahr. Heuer fiel die Wahl auf Italiens Premier Matteo Renzi. Sein Kampf gegen EU-Sanktionen für das Verfehlen des Budgetziels erinnere an das Stück "Bezahlt wird nicht!" des jüngst verstorbenen Nobelpreisträgers Dario Fo. Wie dieser erfülle Renzi damit die Commedia dell'arte mit neuem Leben. Vorhang.

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