Kommunismus, Kredit und Kontrolle - China wandelt auf Abwegen

Kapitalismus lebt davon, dass Kredit aufgenommen wird. Der Kommunismus in China nutzt ihn, um Bürger an der Kandare zu halten.

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Soll und Haben Richard Wiens

In Europa wird allenthalben darüber geklagt, dass es seit der Finanzkrise für Private viel schwieriger geworden ist, an Kredite zu kommen. Die Zinsen sind zwar historisch günstig, auf dem Weg zum Kapital stellen Banken, die sich wiederum auf die harten Regeln ausreden, denen sie unterliegen, aber immer höhere Hürden auf. Um an Geld zu kommen, muss man in anderen Regionen der Welt aber viel größere Hindernisse überwinden, zeigt ein Blick nach China. Im Reich der Mitte sind einerseits die Zinsen für Privatkredite deutlich höher als in vielen Ländern. Andererseits liegt die Schamgrenze für ungebührliche Forderungen an Kreditnehmer dort augenscheinlich deutlich tiefer.

Vor allem Online-Kreditplattformen sind es, die sich in China mit einem höchst fragwürdigen Geschäftsmodell etabliert haben. Da wird Studentinnen nur dann Kredit gewährt, wenn diese bereit sind, Nacktfotos als Sicherheit zu hinterlegen. Dass sie zudem noch Wucherzinsen in Höhe zweistelliger Prozentsätze bezahlen müssen, kommt erschwerend hinzu.

Strafbar ist dieses gegen alle gute Sitten verstoßende Geschäft allerdings nur dann, wenn die Fotos auch veröffentlicht werden. Genau das ist bei der Onlineplattform Jiedaibao diese Woche passiert. Fotos und Videos von mehr als 160 jungen Frauen haben den Weg ins Netz gefunden. Jiedaibao erklärte sich für unzuständig, man betätige sich schließlich nur als Vermittler und habe mit den Methoden der Geldverleiher, die anonym bleiben, nichts zu tun.

Man sollte annehmen, dass solche Methoden in einem Staat, in dem der Freiheitsgrad für private Unternehmer stark beschränkt ist, nicht lang Bestand haben. Weit gefehlt. Dass das offizielle China wenig Anstoß am Treiben der Kredithaie nimmt, darf allerdings nicht verwundern, wenn man sich vor Augen führt, welche Pläne die Staatsführung selbst wälzt.

Obwohl wenig unbeobachtet bleibt, was Chinas Bürger tun, geht den Regierenden die soziale Kontrolle noch nicht weit genug. Deshalb tüfteln sie an einem System, bei dem immer mehr Daten gesammelt und so miteinander verknüpft werden, dass ein soziales Rating jedes Bürgers erstellt werden kann. Noch wird es getestet, 2020 soll es landesweit in Kraft sein.

Dabei können auch kleine Gesetzesverstöße große Folgen haben. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln schwarzfährt, bei Rot über die Kreuzung geht oder Müll unsachgemäß entsorgt, erhält Abzüge. Wer in seiner sozialen Kreditwürdigkeit absinkt, im Jargon der Ratingagenturen auf "Ramschniveau" gestuft wird, für den wird das tägliche Leben zur Mühsal.

Die Sanktionen reichen von längeren Wartezeiten bei Behördengängen bis dahin, dass die Wunschschule für die Kinder verschlossen bleibt oder man in bestimmten Hotels nicht einchecken darf. Dass man auch schwerer an Kredite kommt, auch wenn man sich bis aufs Hemd auszieht, versteht sich da fast von selbst.

Der Kapitalismus mag ja manchmal ziemlich kalt erscheinen. Aber gegen Kommunismus mit totaler Kontrolle ist er ein warmes Lüfterl.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 09:16 auf https://www.sn.at/kolumne/soll-und-haben/kommunismus-kredit-und-kontrolle-china-wandelt-auf-abwegen-811693

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