Männer, Frauen und jede Menge Missverständnisse

Frauentag - nicht der einzige Tag im Jahr, wo Frauen sprachlos sind und Männer sich ganz und gar missverstanden fühlen.

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Soll und Haben Richard Wiens

Ein Ehepaar beim Frühstück. Sie legt die Wochenendbeilage zur Seite (seufzt): "Jedes Wort stimmt, aber es geht viel zu langsam." Er: "Wo?" Sie: "In der Wirtschaft, in der Politik, in der Gesellschaft." Er: "Worum geht's?" Sie: "Dass Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer." Er: "Ach, daher weht der Wind. Lass mich raten, es ist wieder Frauentag, richtig?"

Sie: "Ja, nächste Woche. Aber es geht so wenig weiter, das ist frustrierend." Er: "Niemandem wird etwas geschenkt, man muss eben hart arbeiten." Sie: "Das tun die Frauen doch, aber wo bringt es sie hin?" Er: "Manche bis an die Spitze." Sie: "Aber noch viel zu selten." Er: "Kein Grund zu jammern, jetzt bekommt ihr ohnehin bald die Frauenquote für Aufsichts räte." Sie: "Das wurde auch höchste Zeit."

Er: "Findest du das gut?" Sie: "Was?" Er: "Es kann einer selbstbewussten Frau doch nicht gefallen, dass sie einen Posten nur wegen ihres Geschlechts bekommt." Sie: "Und warum bekommen ihn die Männer?" Er: "Weil sie qualifiziert sind." Sie: "Ist nicht dein Ernst?" Er: "Mein voller." Sie: "Es gibt genauso viele qualifizierte Frauen." Er: "Die hindert ja niemand daran, zu beweisen, dass sie es besser können." Sie: "Doch, die Männer." Er: "Sollen die freiwillig das Feld räumen?" Sie: "Das verlangt niemand, aber fairer Wettbewerb sieht anders aus." Er: "Der Bessere gewinnt, so sind nun mal die Regeln." Sie: "Deshalb muss man sie ändern." Er: "Und die Frauen bevorzugen?"

Sie: "Wenn es nicht anders geht, ja. Besser, als zusehen zu müssen, wie Männer den Wagen in den Graben fahren, wie bei VW." Er: "Okay, Punkt für dich, aber das sind bedauerliche Einzelfälle." Sie: "Den Eindruck habe ich nicht, wenn ich an all die Männer denke, die uns die Finanzkrise eingebrockt haben." Er: "Aber doch nicht mit Absicht. Da war viel Pech dabei." Sie: "Das sehe ich anders, Frauen wären solche kapitalen Fehler nicht passiert."

Er: "Dafür gibt es keinen Beweis." Sie: "Den würden wir gerne erbringen. Außerdem verlangt man von Frauen stets, sich zu entscheiden - Kinder oder Karriere. Männer müssen das nicht." Er: "Liegt in der Natur der Sache. Aber es gibt große Vorbilder." Sie: "Komm mir jetzt nicht mit der Tante von Yahoo." Er: "Gar nicht. Maria Theresia hatte 16 Kinder und war eine tolle Kaiserin. Wenn man will, geht es."

Sie: "Ironie liegt dir nicht." Er: "Ich meine das nicht ironisch." Sie: "Eben. Außerdem hatte die Franz Stephan, der sie unterstützte. Und die Kinder waren betreut." Er: "Aber er stand in ihrem Schatten und musste auf seine Karriere verzichten." Sie: "Das müssen Frauen ständig." Er: "Du nicht, du hast mich, ich stehe voll hinter dir." Sie: "Und oft im Weg. Lieber wäre mir, du stehst auf und räumst den Tisch ab." Er: "Sorry, ich muss dringend weg. Du kannst das sowieso besser." Sie(blickt nach oben): "Herr, erbarme dich!" Er(beim Hinausgehen): "Gerne." Der Brotkorb verfehlt ihn haarscharf.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 01:08 auf https://www.sn.at/kolumne/soll-und-haben/maenner-frauen-und-jede-menge-missverstaendnisse-164395

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