Marx, das Kapital, die Zigarre und der reale Kapitalismus

Warum uns "Das Kapital" auch 150 Jahre nach der Erstausgabe etwas zu sagen hat. Und was Karl und Groucho Marx verbindet.

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Marktplatz Richard Wiens

150 Jahre ist es her, dass Karl Marx den ersten Band seines Opus magnum veröffentlichte, "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Obwohl der Wälzer schwer lesbar und seine Thesen schwer verdaulich sind, gehört er neben der Bibel zu den auflagenstärksten Büchern der Welt. Vor allem in der Finanzkrise erlebten Marx und seine Thesen ein erstaunliches Revival. Worin Marx zweifellos recht hatte, war die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus.

Falsch lag er hingegen damit, dass dies dazu führe, dass sich der Kapitalismus selbst zerstört. Mit dem Blick auf die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschenden Lebensumstände der Arbeiterschaft und die damit verbundenen Produktionsverhältnisse konnte Marx freilich nicht ahnen, dass sich der Kapitalismus zu einer Maschine entwickeln würde, die Hunderten Millionen Menschen aus bitterer Armut zu zumindest relativem Wohlstand verholfen hat.

Selbst Marx-kritische Ökonomen geben zu, dass man von ihm viel lernen könne. Nicht zuletzt können Politiker aus der unbestreitbaren Tatsache, dass der wirtschaftliche Wandel viele Verlierer hervorbringt, entsprechende Lehren ziehen und ihr Handeln danach ausrichten.

Apropos lernen: Ein Namensvetter des Philosophen aus Trier hat eine leichter lesbare, aber deshalb nicht weniger lehrreiche Beschreibung des realen Kapitalismus geliefert. Groucho Marx, Teil der legendären Marx Bro thers und ein großer Philosoph des Humors, schildert in seiner Autobiografie "Groucho and Me", wie er die Auswüchse des Finanzkapitalismus am eigenen Leib zu spüren bekam.

Über den Zusammenbruch der Wall Street 1929 und die Weltwirtschaftskrise ist viel geschrieben worden, aber von kaum jemandem so lustig wie von Groucho Marx. Er war zu ansehnlichem Reichtum gekommen und erlag wie so viele dem süßen Gift der Spekulation. Der Kauf von Aktien auf Pump war Usus in Zeiten der Hausse, auch Marx folgte dem Rat des Maklers. "Ich legte 25 Prozent von 38.000 Dollar hin und wurde glücklicher Besitzer von zweihundert Aktien der Firma Goldman Sachs." In die Euphorie mischte sich zusehends Sorge. Marx wandte sich an seinen Vermögensberater und Freund Max Gordon: "Max, wie lange wird das noch so weitergehen?" Und bekam zur Antwort: "Bruder, du hast noch nicht viel gesehen." Auch sein Börsenmakler wischte Einwände, dass sich die Kurse immer weiter von realen Werten entfernten, beiseite: "Herr Marx, Sie haben in Bezug auf die Börse noch viel zu lernen. Was Sie über Wertpapiere nicht wissen, würde ein Buch füllen."

Eine Nachbemerkung: Das Bild des zigarrerauchenden Kapitalisten musste lange als Klischee für deren Abgehobenheit herhalten. Dabei ist die Zigarre eine Sache, die Kapitalisten, den Ahnherrn der Kapitalismuskritik und den Komiker vereint, die Herren Marx rauchten leidenschaftlich gern Zigarre. Sie war zudem - ein Treppenwitz der Geschichte - auch beinahe das Einzige, was Karl Marx mit den Proponenten des realen Sozialismus verband - von Lenin über Che Guevara bis zu Fidel Castro. Von dem, was sie unter Berufung auf die Lehren des Philosophen angerichtet haben, hätte sich Marx hingegen mit Grauen abgewendet.

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