Von Aufschwung bis Zinsen - 2017 im Rückspiegel

Fantasiepreise für digitales, Nullzinsen für reales Geld. Und ein Nobelpreis dafür, dass es in der Wirtschaft nicht immer rational zugeht.

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Aufschwung: In der Wirtschaft lief es schon lange nicht so gut wie heuer. Auch für 2018 sind die Auguren der Ökonomie guter Dinge. Höhere Inflation (siehe dort) bringt das Wachstum nicht - außer in Österreich. Und höhere Zinsen auch nicht. Bis sich die Europäische Zentralbank dazu aufschwingt, die Zinsen zu erhöhen, kann es noch ein Weilchen dauern.
Bawag: Die Bank schlug in ihrer wechselvollen Geschichte, die bis 1922 zurückreicht, ein neues Kapitel auf. Als Arbeiterbank gegründet, ging die Bawag heuer an die Wiener Börse und bescherte ihr den weltweit achtgrößten Börsengang. Die Arbeiter haben leider nichts mehr davon, den Schnitt machten die US-Fonds Cerberus und Golden Tree, an die der ÖGB die Bank im Jahr 2006 verkaufen musste.
Bitcoin: Für manche das Zahlungsmittel der Zukunft, für andere die Tulpenzwiebeln des 21. Jahrhunderts. Der Kurs der Kryptowährung ging jedenfalls durch die Decke. Das brachte die Regierung von Venezuela auf die glorreiche Idee, sich mit der digitalen Währung Petro zu retten. Als Sicherheit dienen die Erdölreserven des Landes, das am finanziellen Abgrund tanzt. Wie das gut gehen soll, bleibt ein Rätsel.
Diesel: Wer dachte, dass Ruß, Feinstaub und Stickoxide das Schmutzigste am Diesel sind, der irrte gewaltig. Es sind vielmehr die Abweichungen der offiziellen von den tatsächlichen Abgaswerten. Für den deutschen Autobauer VW erwies sich die Manipulation der Selbstzünder als teurer Schuss ins Knie, der mehr als 25 Mrd. Euro kostet. Die VW-Manager in den USA trifft es noch härter, sie erfahren den Unterschied zwischen Freiheit und Gefängnis.
Eurozone: Die hat schon bald einen neuen Chef - einen Portugiesen! Das kann man entweder als Beweis sehen, dass es sich lohnt, wenn man die Sparvorgaben der Geldgeber einhält, so wie es Portugal getan hat. Oder als Vorbote, dass die Südländer allmählich das Kommando in der Währungsunion übernehmen. Je nach wirtschaftspolitischem Standpunkt sind beide Varianten kein Grund für Freudensprünge. Für Spannung bleibt gesorgt.
Hundertjährige Anleihe: Die Niedrigzinsen machen es möglich. Österreich macht Schulden, als gäbe es kein morgen. Im 99. Jahr ihres Bestehens begab die Republik eine Anleihe, die erst in 100 Jahren fällig wird. Der Staat bekam 3,5 Mrd. Euro, die Käufer 2,10 Prozent Kupon. Die Zeichner der Anleihe sind entweder völlig verzweifelt oder haben unerschütterliches Vertrauen in unser Land. Sicher ist nur, dass die meisten die Fälligkeit nicht erleben werden.
Inflation: Während die EZB sehnsüchtig darauf wartet, dass sich die gute Konjunktur in höheren Preisen niederschlägt, zeigt Österreich vor, wie das geht. Die Inflationsrate lag hier zuletzt genau dort, wo sie die EZB gern haben will. Die Österreicher haben von der Rolle des Musterknaben nichts, ihre Kaufkraft sinkt.
Nobelpreis: Den bekam heuer ein Ökonom, der sich damit beschäftigte, wie sehr das wirtschaftliche Verhalten der Menschen von der Psychologie beeinflusst wird. Richard Thaler zeigte, dass sich Wirtschaftssubjekte keineswegs immer rational verhalten, wie die angeführten Beispiele eindrücklich beweisen.
Paradise Papers: Sind so etwas wie die Abschiebepapiere für Steuervermeider. Internationale Medien deckten mithilfe eines Whistleblowers einmal mehr auf, wie vermögende
Privatpersonen und internationale Konzerne Steuerschlupflöcher in Ländern nutzen, um ihre Steuerlast gegen null zu drücken. Die Empörung ist groß, die Konsequenzen gering. Und bald regiert wieder tax-business as usual.
Zinsen: Hier sollte sich der Kreis zum Aufschwung schließen. In der Regel bringt mehr Wachstum steigende Preise und höhere Zinsen mit sich. Aber die alten Regeln gelten nicht mehr. Die Zinsen dümpeln an der Nulllinie entlang und Mario Draghi hat kein Erbarmen.

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Aufgerufen am 17.01.2018 um 08:54 auf https://www.sn.at/kolumne/soll-und-haben/von-aufschwung-bis-zinsen-2017-im-rueckspiegel-22312618

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