Kluge Väter züchten Gammel-Einhörner

Was soll man Kindern erzählen, die sich vor dem dritten Weltkrieg fürchten? Man lenkt sie ab. Am besten mit Keksen.

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Teufelsküche Peter Gnaiger

Bitte gestatten Sie mir, dass ich ausnahmsweise meine zwölfjährige Tochter in diese Kolumne ziehe. Aber der Anlass ist ernst: Sie hat Angst. Schuld sind die Nachrichten. Seit diese regelmäßig über Kim Jong Un und Donald Trump berichten, befürchtet sie einen Atomkrieg. Diese Angst gehört natürlich zerbröselt. Das war mein erster Gedanke, nachdem mir der Stapel von Keks-Backbüchern auf meinem Schreibtisch auffiel. Markttechnisch steht in den Redaktionen ja bereits Weihnachten vor der Tür.

Die Bücher tragen hübsche Titel wie "Meine Kekskunst", "Meine kreative Kekswerkstatt" oder "Einhorntastisch backen". Bei letzterem Werk kann man auf 46 Seiten nachblättern, wie man Einhörner in Keksform bringt. Meine Tochter mag Einhörner. Sie meint sogar, die abgebildeten Einhörner seien viel zu schön zum Essen. Als Vater muss man diesen Gedanken zulassen. Denn das Schicksal der bis zum Fasching übrig gebliebenen Kekse ist vorbestimmt. Sie werden in Alkohol getränkt. Dann feiern die Gammel-Einhörner als Punschkrapferl Auferstehung. Zugegeben: Diese Info hat meine Tochter entsetzt. Aber sie hat sie auch vom Atomkrieg abgelenkt. Ein Keks ist eben viel mehr als die Summe seiner Zutaten. Kekse stecken voller Geheimnisse. Das hat meine Tochter neugierig gemacht. Deshalb erzählte ich ihr von der Herkunft der Kekse. Das Wort "Keks" soll sich ja vom englischen "cakes" ableiten. Was Blödsinn ist. Diese Theorie wird von zwei Fakten widerlegt. Erstens: Engländer konnten noch nie kochen - geschweige denn backen. Zweitens: In Finnland heißen Kekse seit Menschengedenken "keksi". Wenn man diese Spur verfolgt, dann stoßen wir im hohen Norden tatsächlich auf Odin, den Kriegsgott der nordischen Mythologie. Es heißt, Odin habe in grauer Vorzeit Witwen und Waisenkinder mit Keksen beschenkt. Dabei habe er die Frauen betreffend sündhafte Hintergedanken gehabt. Auch diese Info ist wichtig für meine Tochter. Oder wollen Sie, dass Ihre Kinder von Fremden Süßigkeiten annehmen? Eben. Und erst der Lebkuchen. Der ist der Stoff, aus dem die Albträume sind. Lebkuchen waren so begehrt, dass Frauen bis ins 19. Jahrhundert geheim hielten, in welchem Verhältnis Nierenfett und Honig gemischt werden muss. Kein Scherz. Das stieß wiederum den Gebrüdern Grimm dermaßen sauer auf, dass sie das Märchen "Hänsel und Gretel" zu Papier brachten. Sie wissen schon: Da geht es um eine Hexe, die einen Buben fressen will - wahrscheinlich, weil sie keine Lebkuchen mehr riechen kann. Die Geschichte hat gewirkt. Meine Tochter hält Trump und Kim Jong jetzt für Grusel-Clowns. Man könnte sagen, sie gehen ihr auf den Keks. In der Prinzenrolle ist jetzt der geschminkte Macron. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aufgerufen am 28.09.2020 um 08:31 auf https://www.sn.at/kolumne/teufelskueche/kluge-vaeter-zuechten-gammel-einhoerner-17061115

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