Das Stiefkind von Politik und Gesellschaft

Die Bezirke innergebirg sind chronisch unterversorgt mit psychiatrischen und therapeutischen Leistungen. Das führt zu einem überaus akuten Problem.

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via konkret | Salzburgs Politik Sylvia Wörgetter

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Primar mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit geht; dass sich niedergelassene Ärzte für ihn und seine Abteilung starkmachen; dass ein Patient seine Krankengeschichte offenlegt, um anderen Patienten zu helfen.

Das alles geschah in diesem Oktober. Aus einem Grund: Im Pinzgau, Pongau und Lungau fehlt psychiatrische und psychosoziale Versorgung an allen Ecken und Enden. Diese Unterversorgung, an der Kranke innergebirg leiden, ist chronisch, die momentane Lage akut: Auf rund 185.000 Einwohner kommen neun niedergelassene Psychiater, fünf davon mit Kassenverträgen. Die einzige stationäre Einrichtung für psychisch Kranke ist die Abteilung im Krankenhaus Schwarzach. Diese ist ständig überbelegt, Patienten schlafen in Notbetten. Die 20 tagesklinischen Plätze in
St. Veit reichen ebenfalls nicht.

Die Ursachen für den Notstand sind komplex.

Die Psychiatrie führt neben anderen medizinischen Disziplinen ein Schattendasein. Es gibt keine teuren Großgeräte, kaum Privatpatienten, wenig Anerkennung durch die Öffentlichkeit.

Psychische Krankheiten sind noch immer mit einem Stigma versehen. Darüber redet man nicht oder nicht gern. Daher finden psychisch Kranke und ihre Angehörigen in der Regel wenig Gehör und haben keine nennenswerte Lobby.

Was eine bemerkenswerte Verdrängungsleistung der Gesellschaft angesichts der massiven Zunahme psychischer Krankheiten darstellt. 900.000 Menschen in Österreich nehmen Psychopharmaka. Bei krankheitsbedingten Frühpensionierungen liegen psychische Krankheiten wie Depressionen als Grund ganz oben.

Das Angebot hält nirgendwo Schritt mit dem wachsenden Bedarf an psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe. Am schlimmsten jedoch ist der Mangel in den Gebirgsbezirken, weil diese auch in anderen Belangen gern aus den Augen der Entscheidungsträger geraten - und damit aus dem Sinn.

Es führt zu nichts, nach dem einen, einzigen Schuldigen an dem Versorgungsmangel zu suchen. Zielführender ist es, die Verantwortlichen für die medizinische Infrastruktur der Region zu benennen. Das sind auf politischer Ebene die Referenten für Finanzen und Soziales. Dazu kommen die Gebietskrankenkasse und die Spitalsträger. Sie müssen dafür sorgen, dass das Gesundheitssystem funktioniert und mit genügend Ressourcen ausgestattet ist - innerhalb und außerhalb der Krankenhäuser. Auch wenn sich vieles zum Besseren gewandelt hat - innergebirg haben die genannten Politiker und Institutionen noch viel Aufholbedarf.

Das illustriert ein Beispiel besonders anschaulich: Der Verein Pro Mente betreut über seine "Kinderseelenhilfe" ständig 500 Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen oder Erkrankungen im Pinzgau, Pongau und Lungau. Ein mobiles Therapeutenteam fährt bis in entlegene Gegenden. Es gibt Ambulanzen in Zell am See, in Tamsweg und St. Johann. Es ist die einzige fachspezifische Versorgungsstruktur für Kinder außerhalb der Landeshauptstadt. Und: Sie wird zu zwei Dritteln durch private Spender aufrechterhalten - und nicht durch die öffentliche Hand, die primär zuständig ist. Höchste Zeit also, dass sie sich auch für zuständig erklärt.

Erstens haben Patienten und Versicherte ein Recht darauf, für ihre Steuern und Beiträge eine entsprechende Gegenleistung zu erhalten.

Zweitens ist es volkswirtschaftlich enorm kostspielig, wenn psychische Probleme und Erkrankungen nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Die Folgekosten durch chronische Leiden, Arbeitsunfähigkeit und Frühpensionierungen sind um vieles höher als jene für eine rechtzeitige und ausreichende Intervention.

Drittens - und das ist das Argument, das eigentlich zählt - geht es auch bei psychischen Erkrankungen mitunter um Leben und Tod, immer aber um Leid und Schmerz, die gelindert oder vielleicht sogar geheilt werden können. Vorausgesetzt, es sind Ärzte, Therapeuten und Einrichtungen vorhanden.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 08:26 auf https://www.sn.at/kolumne/via-konkret/das-stiefkind-von-politik-und-gesellschaft-932578

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