Eine Bitte: Runter vom Gas bei Tempo 80!

Das Tempolimit gilt auf zehn Kilometern und nur die Hälfte der Zeit. Es gibt weniger Unfälle und Schadstoffe. Worüber regen sich eigentlich viele so auf?

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via konkret Sylvia Wörgetter

Es gibt Themen im Land, über die im Landtag geredet werden sollte. Die Integration von rund 4000 Flüchtlingen gehört dazu. Oder die Dauerstaus im Pinzgau. Oder die hohen Wohnkosten. Welchem Thema widmete sich diese Woche der erste Landtagsausschuss nach der Sommerpause? Tempo 80 auf der Stadtautobahn.

Man fasst es nicht.

Die Tatsache, dass auf rund zehn Kilometern zwischen Salzburg-Nord und dem Knoten Salzburg Tempo 80 gilt - und auch das nur in der Hälfte der Zeit -, erhitzt noch immer, zwei Jahre nach der Einführung, die Gemüter. Sogar aus Wien reiste ein hochkarätiger Gutachter an, um den Abgeordneten Auskunft zu geben. Glückliches Salzburg, das keine dringenderen Probleme hat!

Noch einmal zur Erinnerung: Auf dem rund zehn Kilometer langen Autobahnabschnitt wird die Höchstgeschwindigkeit nach dem Immissionsschutzgesetz-Luft (IG-L) geregelt. Je nach Fahrzeugdichte und Wetterlage schreibt der Überkopfanzeiger Pkw statt 100 km/h 80 vor. Lkw dürfen dort ohnedies nicht schneller fahren.

Was hat das gebracht? Fünf bis sechs Prozent weniger Stickoxide. Das lässt die Anrainer aufatmen. So eine Verringerung käme sonst nur zustande, würde die Autobahn für drei Wochen komplett gesperrt werden. Außerdem: Je langsamer Autos fahren, desto weniger Klimagift blasen sie in die Luft. In Zeiten schmelzender Gletscher ist das ein großes Argument fürs Langsamfahren.

Es kommt dazu, dass die Gesamtzahl der Unfälle auf dem Straßenabschnitt abgenommen hat. Gut? Sehr gut. Aber nicht gut genug, dass nicht doch gestritten werden könnte, was das Zeug hält.

Es ist nämlich so, dass in einzelnen Sparten die Unfälle zugenommen haben: vor allem bei dichtem Auffahren und beim Fahrstreifenwechsel. Gutachter führen das darauf zurück, dass durch den 80er die Verkehrsdichte auf dem rechten Fahrstreifen zugenommen habe. Dort fahren jetzt Lkw und Pkw gleich langsam. Tatsächlich lassen sich auch von Laien Drängelei und dichtes Auffahren feststellen. Dagegen gäbe es aber ein Mittel: Tempo 60 für Lkw - und die unterschiedlichen Geschwindigkeiten wären wiederhergestellt. Das wäre so einfach wie vernünftig.

Aber um Vernunft geht es bei der Debatte nicht. Und um Verkehrssicherheit nur vordergründig. Es geht um Ideologie und politische Symbole. Der Luft-80er ist mit beidem aufgeladen.

Den Befürwortern steht er für eine Wende in der Verkehrspolitik, die mittelfristig Entschleunigung und Schadstoffreduzierung zum Ziel hat, langfristig die Abkehr vom fossilen Treibstoff.

Genau deswegen bekämpfen ihn die Gegner: Sie sehen in ihm die Verteufelung des Autos und eine Beschneidung ihrer Mobilität und Freiheit. Diese Woche war es die FPS von Karl Schnell, die die Abschaffung des 80ers wieder einmal forderte.

Fast scheint es, als tobe um den 80er ein Kampf zwischen der Mobilität von gestern und jener von morgen. Nirgends wird der so erbittert geführt wie in Salzburg. Auf der Wiener Südosttangente rollen die Autos mit 80, auf der Linzer Autobahn ebenso, auf weiten Teilen der Tiroler Inntalautobahn gilt ein Luftschutz-100er so wie auch auf der Tauernautobahn. Das regt niemanden auf. So wie es auch in den USA, dem Land der Autos und der Freiheit, kein Problem darstellt, über schnurgerade Highways vergleichsweise schleichen zu müssen.

Daher eine Bitte: Runter vom Gas bei der Debatte um Tempo 80! Und ran an die Probleme, die wirklich welche sind.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 02:12 auf https://www.sn.at/kolumne/via-konkret/eine-bitte-runter-vom-gas-bei-tempo-80-1055857

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