Könige und Bürger, alle nervt das Chaos

Auf Salzburgs Straßen ist viel zu viel los. Wir sollten uns fragen, ob uns jedes Geschäft recht und jede Attraktion willkommen ist. Weniger ist mehr.

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via konkret Sylvia Wörgetter

Fast hätte das schwedische Königspaar bei seinem Festspielbesuch vor einer Woche die Aufführung versäumt. Silvia und Carl Gustav hatten nicht mit dem Salzburger Verkehr gerechnet. Für die 24 Kilometer von ihrem Urlaubsdomizil Schloss Fuschl bis nach Salzburg brauchten sie eineinhalb Stunden. Endlich angekommen, wirkten sie genervt.

Man kann sie verstehen. Auch Salzburger und andere Gäste nervt das Verkehrschaos. Und die Gleichgültigkeit der Stadtpolitik diesem Umstand gegenüber nervt fast noch mehr. Wenn es regnet, kämen die Urlauber aus den Umlandgemeinden vermehrt in die Stadt, man könne nicht viel dagegen tun. Das sagten Bürgermeister Heinz Schaden (SPÖ) und Verkehrsstadtrat Johann Padutsch (Bürgerliste) sinngemäß. So als wären sie nicht dafür gewählt, etwas zu tun.

Sie könnten zum Beispiel ein Park-&-Ride-System aufbauen, das so attraktiv ist, dass es angenommen wird. Mit ständig verkehrenden und günstigen Shuttle-Bussen in die Innenstadt. Mit verständlichen Informationen. Mit einem klaren Verkehrsleitsystem.

Unter solchen Voraussetzungen wäre eine Sperre der Innenstadt für Besucherautos keine Strafe. Sie wäre eine Wohltat für alle. Für die Tagestouristen, die stressfrei in die Stadt und wieder hinaus kämen; für die Innenstadtkaufleute, deren Kunden in Ruhe durch die Stadt flanieren könnten; für die Salzburger, die auf ihren Alltagswegen von A nach B gelangten.

Wie viele Jahrzehnte wird darüber geredet? Sind es erst zwei oder schon drei?

Salzburg hat den Ruf, ein architektonisches Juwel zu sein, gelegen in einer traumhaften Kulisse und gesegnet mit den bedeutendsten Festspielen der Welt. Die Salzburg-Gäste erwarten ein Flair, das dem Traum von dieser Stadt entspricht.

Erleben sie das? Ja, ansonsten wären die Hotels nicht voll, die Festspiele nicht ausgebucht, die Stadt nicht jeden Sommer vibrierend und international. Aber sie können neben viel Klasse auch viel Masse erleben.

Vielen Bustouristen präsentiert sich Salzburg regelrecht schäbig, wenn man an den Busterminal in der Paris-Lodron-Straße denkt. Kein Dach schützt die Wartenden vor Regen oder Sonne. Ein paar Bänke gibt es, aber keine Toilette. Bustouristen und Passanten drängen sich auf dem Gehsteig, der alles ist, was an Platz zur Verfügung steht.

Dann sind da Touristenattraktionen sonder Zahl, gegen die wenig zu sagen wäre, würden sie nicht zusätzlich die enge Altstadt belasten. Da gibt es organisierte Gruppenausfahrten, die mit Kleinbussen, mit Fahrrädern oder Segways vonstatten gehen. Wobei Letztgenannte jene zweirädrigen Gefährte sind, deren Piloten auf ihnen stehend die Balance zu halten versuchen, während sie durch die Gassen brausen. Zu all dem soll jetzt auch noch ein Amphibienbus kommen, der seine Passagiere erst durch die Straßen kutschiert und dann über den Fluss fährt.

Salzburg lebt zu einem guten Teil vom Tourismus. Die Einzigartigkeit der Stadt ist das Kapital, von dem wir alle zehren. Brauchen wir dieses Kapital auf, weil uns jedes Geschäft recht, keine Attraktion zu viel, keine Selbstbeschränkung vorstellbar ist, verliert Salzburg sein Alleinstellungsmerkmal.

Dann wird die Stadt kein Magnet mehr sein für Könige - und keine sichere Bank für ihre Bewohner.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 09:39 auf https://www.sn.at/kolumne/via-konkret/koenige-und-buerger-alle-nervt-das-chaos-1160170

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