Mehr als vier Wände und ein Dach

Wir werden älter, immer mehr leben allein. Das wird neue Wohnformen mit sich bringen müssen. Der Wandel erfordert kreativere Planung und Politik.

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via konkret Sylvia Wörgetter

Die Salzburger Wohnbauförderung verfügt über gut 141 Millionen Euro pro Jahr. Das ist eine Menge Geld. Aber vielleicht doch zu wenig. Es könnte auch 2017 nicht reichen. Wie SN-Recherchen ergeben, wollen kommendes Jahr weit mehr Salzburger Eigenheimförderung, als Geld dafür budgetiert ist. Das ist keine gute Nachricht für den zuständigen Landesrat Hans Mayr, nachdem er erst vor wenigen Monaten das Budgetloch in der Eigenheimförderung eingestehen und stopfen musste. Aber es könnte ein Anlass für ihn und den Rest der Landesregierung sein, darüber nachzudenken, ob die Wohnbauförderung die richtigen Schwerpunkte setzt.

Derzeit fördert das Land vor allem drei Wohnformen: Mietwohnungen - sie machen den größten Teil aus -, gefolgt von Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen sowie in geringerem Ausmaß Sanierungen und Wohnheime.

Der Traum vom Eigenheim ist ungebrochen, wie der Sturm auf die Förderung für Einfamilienhäuser zeigt, der den Landesrat so in die Bredouille brachte. Es ist ein reizvoller Gedanke, die Kinder im eigenen Haus aufwachsen zu sehen, mit einem Garten drum herum zum Spielen und Toben.

Wenn die Kinder aber ausziehen, bleiben die Eltern, später ein Elternteil, allein in dem großen Haus zurück. Dessen Pflege kann mit zunehmendem Alter eine enorme Belastung werden. Die Kinder sind oft weit weg - verzogen wegen Studiums und Karriere. Nicht selten macht sich Einsamkeit breit, wo früher das pralle Leben zu Hause war.

Umgekehrt suchen junge Familien verzweifelt Wohnraum, das eigene Haus können sich immer weniger leisten. Da wäre es naheliegend, zusammenzurücken in den Objekten, die es bereits gibt. Eine Wohnbaupolitik, die den Umbau von kaum bewohnten Einfamilienhäusern in Zwei-Familien-Häuser forciert, schafft mehr als Wohnraum. Sie schafft neue Nachbarschaften, neuen Kontakt zwischen den Generationen, neues Leben in Orten, die auch auf dem Land oftmals den Charakter von Schlafsiedlungen annehmen.

Wir werden älter und wir leben zunehmend allein. Dieser Wandel wird veränderte Wohnformen nach sich ziehen müssen. Dabei geht es nicht um
die romantische Vorstellung von der Senioren-WG einiger Alt-68er. Es geht darum, dass Wohnen mehr sein muss, als vier Wände um sich zu haben. Die Lebensqualität hängt entscheidend davon ab, ob ein Nahversorger ums Eck ist: ob die Nachbarn nett sind; ob genug Freiflächen vorhanden sind, auf denen Kinder toben können, ohne der ganzen Siedlung die Ruhe zu rauben; und ob zwischen Wohnort und Arbeitsstelle nicht endloser Stau herrscht.

Der Wohnraum muss ein gutes Leben und Zusammenleben ermöglichen. Das setzt voraus, dass Planer, Bauträger und Wohnbauförderung von Anfang an dieses gute Leben im Auge haben und nicht nur Preis, Dichte und Wirtschaftlichkeit. Kreativität ist gefragt. Und die Bereitschaft, sich stärker auf neue, gemeinschaftliche Wohnformen einzulassen.

Dazu zählen sogenannte Baugruppen. Menschen aller Altersgruppen tun sich zusammen, um gemeinsam zu planen, zu bauen und zu wohnen - jeder in seiner privaten Wohnung, aber doch unter einem Dach. Damit übernehmen sie Verantwortung füreinander - und kompensieren vieles, was mit dem Verschwinden von Großfamilien verloren gegangen ist. Besseres kann einer Gesellschaft eigentlich nicht passieren. Es sollte daher entsprechend honoriert werden.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 12:40 auf https://www.sn.at/kolumne/via-konkret/mehr-als-vier-waende-und-ein-dach-872446

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