Kultur

2016 - Das Jahr der Toten: Große Lagerfeuer verlöschen

Kommt es uns nur so vor oder sterben tatsächlich jedes Jahr mehr bedeutsame Menschen? Die traurige Antwort: Ja. Und mit ihnen geht eine gemeinsame Welt unter.

Leonard Cohen. SN/APA (AFP) Archiv/JOEL SAGET
Leonard Cohen.
David Bowei SN/APA/AFP/RALPH GATTI
David Bowei
Prince SN/AP
Prince
Muhammad Ali SN/AP
Muhammad Ali
George Michael SN/APA (AFP/Archiv)/EVERT ELZINGA
George Michael
Bud Spencer SN/apa (dpa)
Bud Spencer
Zaha Hadid SN/EPA
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Nikolaus Harnoncourt
Leonard Cohen. SN/wild+team
Leonard Cohen.
Fidel Castro SN/APA (AFP)/ADALBERTO ROQUE
Fidel Castro
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Keith Emerson
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Umberto Eco
Manfred Deix SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Manfred Deix
Zsa Zsa Gabor SN/AP
Zsa Zsa Gabor
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Hans Dietrich Genscher
Götz George SN/APA/dpa/Jörg Carstensen
Götz George
Glenn Frey SN/Evan Agostini/Invision/AP
Glenn Frey

Die Frau hält ein "Ziggy Stardust"-Album im Arm. Wie ein Baby umschlingt sie's und sie summt. Um sie stehen ein paar Dutzend Menschen, alle summen und singen leise. "We can be heroes just for one day" klingt aus Boxen, die jemand zwischen Kerzen und Blumen vor die Tür des Hauses in Berlin gestellt hat, in dem einst David Bowie wohnte, der Mann, der in den späten 1960er-Jahren schlagartig die Rolle des Popstars veränderte. Bowie löste den Zwang auf, der im Pop Leben und Kunst eng verband. Bowie - das war mächtige Kunst. Jetzt brechen leise Töne die Stille des Abends. Es ist das Ende des Tages, an dem sich schnell herumgesprochen hatte, dass David Bowie im Alter von 69 Jahren gestorben war. Ein düsterer Tag. Keiner der Traurigen ahnt da, dass noch viele folgen sollten, dass noch viele Heroes gehen sollten, deren Kunst nicht "just for one day" Bedeutung hat.

Heroes - nicht nur für einen Tag

2016 war das Jahr der Toten.

Ist es aber womöglich nur ein seltsames Gefühl, dass in diesem Jahr besonders viele Prominente und Bedeutende gingen?

Ein Statistik der BBC macht aus dem traurigen Gefühl schnell Gewissheit. Rund fünf Mal so viele Nachrufe wie noch vor vier Jahren veröffentlichte der britische Sender heuer. Das liegt daran, dass viele der Toten dieses Jahres die letzten Hüter eines gemeinsamen Lagerfeuers waren. Songs von Bowie oder Leonard Cohen, der rabaukische Klamauk von Bud Spencer, das Revolutionsgehabe von Fidel Castro - das war identitätsstiftend, wirkte weit über Marktnischen hinaus in eine breite Öffentlichkeit, die es auf einer in Partikularinteressen zerlegten Welt nicht mehr gibt. "Unsterblichkeit" wächst nämlich aus grenzenloser Aufmerksamkeit.

Der Anstieg bedeutsamer und also berichtenswerter Todesfälle sei "phänomenal", sagt Nick Serpell. Er muss es wissen. Serpell ist bei der BBC seit zehn Jahren für Nachrufe zuständig. Jeder Woche schrieb er ein paar neue - auch im Voraus, damit man bei der Bestätigung eines Todesfalls schnell auf allen Kanälen präsent sein kann. "Der Blick auf die nüchterne Statistik macht deutlich, dass wir es mit einem Aufwärtstrend zu tun haben", sagt er.

Baby-Boomer werden alt

Und für die kalten Zahlen gibt es Gründe. Zum einem ist da die Demografie. "Viele Personen, die in den 1960er-Jahren berühmt geworden sind, kommen nun in ihre 70er und 80er. Es beginnt das Sterben", sagt Serpell. Und so sterben aus Zeiten der frühen Hochzeit der Popkultur viele, deren künstlerischer Einfluss epochenprägend war - und somit über Jahrzehnte bedeutsam und immer wieder topaktuell.

Ein weiterer Grund für die zunehmende Zahl "prominenter Tode" liegt in der Durchdringung des Alltags durch die Medien - zunächst des Fernsehens und in den vergangenen Jahren des Internets.

Die Zahl sogenannter Prominenter steigt durch diese Populärmacher. Während bis in die 1960er fast nur das Kino (Welt-)Stars hervorbrachte, gibt es nun Promis aus TV, Kunst, Literatur, Musik, Sport und Internet. Es gibt immer mehr Menschen, die durch mediale Präsenz als ständige Begleiter auftauchen. Künstlerische Bedeutung spielt dabei nicht die wichtigste Rolle.

Der Tod erreicht leichter die breite Öffentlichkeit

Wegen der rasanten News-Verbreitung in sozialen Medien ist es einfacher, vom Tod irgendjemandes zu erfahren, als das früher der Fall war. So wurde heuer über den Tod der ehemaligen Wrestlerin und Pornodarstellerin Chyna innerhalb weniger Stunden im Netz Hunderttausende Mal getwittert. Der Tod wird öffentlichkeitswirksamer - auch dort, wo er sich nur in der Nische einer Nische ereignet.

Die kalten Todeszahlen allein aber erklären noch nicht die kollektive Trauer, die bei den Todesnachrichten über David Bowie, Prince, Leonard Cohen oder zuletzt George Michael um die Welt schwappte. Es ist nicht die Trauer um den Tod eines einzelnen Popstars, die dieses Gemeinschaftsgefühl auslöst. Es quellen im Angesicht der Gewissheit des Endes allerdings Erinnerungen, die von vielen geteilt werden. Und so wachsen mit Liedern bei unterschiedlichsten Menschen doch oft ganz ähnliche Emotionen.

Muhammad Ali vereinet alle

Mehr noch als mancher Popstar taugt in diesem Zusammenhang Muhammad Ali gleichsam als "der größte gemeinsame" Tote des Jahres. Da löste einer, dessen Geschäft harte Schläge waren, alle Welten auf, brachte Gedanken zusammen, zwischen denen ohne seine Erscheinung, ohne sein unermüdliches Beten tiefe Gräben verliefen. Gewiss starb mit ihm der größte Boxer aller Zeiten. Mehr noch verließ ein Mensch die Welt, ein Mensch, der dieses Menschsein in schier heiliger Haltung zelebrierte.

Das konnten auch jene spüren, die mit Boxen gar nichts zu tun haben. Ali schuf ein gemeinschaft liches Gefühl - also ein Mitfühlen, Mitfiebern, Mitleiden, für das Millionen Menschen auch in frühesten Morgenstunden aufstanden, um den Fernseher einzuschalten. In kleinerem, auf den deutschsprachigen Raum beschränktem Maß schafften das etwa auch Götz George als "Tatort"-Schimanski oder TV-Produzent Wolfgang Rademann mit Sendungen wie "Traumschiff", "Schwarzwaldklinik" oder der "Peter-Alexander-Show".

Das gemeinsame Lagerfeuer erlischt

Diese Lagerfeuer, an die sich jeder setzen konnte, ohne Rücksicht auf Herkunft oder Ansehen, sind längst verloschen. Und mit Ali und einigen anderen verrauchten wichtige Glutnester, die zumindest die Erinnerung an diese Lagerfeuer noch aufrechterhielten. Bittere Erkenntnis ist allerdings, dass sich in Bezug auf Helden und stilprägende Künstler des Pop die Düsternis des ablaufenden Jahres nicht so schnell verziehen wird.

Tatsächlich gehören viele derer, die heuer gestorben sind, der Baby-Boomer-Generation an - geboren zwischen 1946 und 1964. Und zu den Mittrauernden gehören nun auch die Nachgeborenen dieser Generation, die aufgewachsen sind mit dem Sound, den Bildern, den sportlichen Leistungen und vor allem auch den Ideen jener, die in den 1960ern bis 1980ern die Welt prägten. Eine Rolle spielt dabei auch, dass die Popkultur damals noch relevante Ausdrucksweise und breit diskutierter Spiegel gesellschaftlicher Bewegungen war.

Bowie und Cohen sind geistiges Inventar der Gegenwart

Nehmen wir David Bowies Alben der 1970er- und frühen 1980er-Jahre - etwa seinen Megaseller "Let's Dance" von 1983. Oder Leonard Cohens frühe Poesie auf dem Debüt "Songs of Leonard Cohen" (1967) oder die spätere Weisheit auf "Va rious Positions" von 1984. Diese Alben gehören zum kulturellen Inventar einer Generation - wie Walkman, Pacman oder Farb-TV. Und damit sind nicht bloß die Zigmillionen gemeint, die diese Alben im Regal stehen haben. Auch wer kein Bowie- oder Cohen-Album besitzt, wird von deren Werk gestreift, wird mit deren Kunst als geistigem Inventar des Lebens in der westlichen Kulturwelt konfrontiert.

Im Lauf des Jahres wurde also von Trauerfall zu Trauerfall deutlicher, dass da nicht nur Personen begraben werden

.

Es werden Epochen beerdigt

Lebenshaltungen, deren Strahlkraft weit in die Gesellschaft wirkt, verschwinden. Und so werden auch Grundfesten erschüttert, auf denen die Träume und Ideale von zwei, drei Generation errichtet waren. Da diese Welt ohnehin bröckelt, weil an der Demokratie gerüttelt wird, weil Fragen nach der Freiheit und Privatsphäre mit Stöcken vertrieben oder gleich eingekerkert werden, fallen die Verluste schwer ins Gewicht. Manche Welt, wie wir sie bisher kannten, löst sich auf. Das hinterlässt umso tiefere Schmerzen, bleibende Eindrücke und gemeinschaftliche Erinnerungen, wenn deren Anführer, Innovatoren, Träumer und Erzähler die taumelnde Welt endgültig verlassen.

Aufgerufen am 13.12.2017 um 10:00 auf https://www.sn.at/kultur/2016-das-jahr-der-toten-grosse-lagerfeuer-verloeschen-568783

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