Kultur

"Afrika! Afrika!" - Die wahren Abenteurer stehen Kopf

Der Erfinder hat sich längst verabschiedet, das Staunen darf bleiben: Die Zirkusshow "Afrika! Afrika!" feiert wieder die Leichtigkeit.

Mit federnden Bewegungen geht das Duo auf der Bühne ans Werk, und das Gefühl der Schwerelosigkeit überträgt sich auch flugs bis in die hintersten Sitzreihen. Erst bei genauem Hinschauen drängt sich eine gegenteilige Frage auf: Wer von den beiden Artisten muss eigentlich den beschwerlicheren Job verrichten, damit die Illusion der Leichtigkeit wirken kann? Jener, der da rücklings auf der Stützvorrichtung liegt und seine Arme und Beine als Sprungfedern zur Verfügung stellt? Oder jener, der sich vom Kollegen seines Vertrauens in der Luft herumwirbeln lässt und es nach jeder Rolle, jedem Salto rückwärts wieder schafft, punktgenau auf beiden Füßen zu landen - und zwar nicht auf seinen eigenen, sondern auf denen des Partners?

Das Kunststück, für das die beiden Akrobaten Jubel ernten, ist in der Zirkuswelt auch unter dem Namen "Ikarische Spiele" bekannt. Er erinnert daran, dass sich Ikarus beim Versuch zu fliegen leichtsinnig die Flügel verbrannt hat.

Den Sinn fürs Leichte sollen bei der Show "Afrika! Afrika!" aber vor allem die Zuschauer mitnehmen. Gelegenheiten dazu ergeben sich in temporeicher Abfolge.

Seit André Heller 2005 erstmals die Idee, Akrobaten und Tänzer aus verschiedenen Ländern des Kontinents eine Bühne zu bitten, verwirklicht hatte, blieb das Konzept ein Erfolg. Vier Millionen Besucher wurden bei drei Tourneen gezählt.

Mit einem neuen Programm, in das manche bewährte Nummern eingebaut sind, wird seit Mitte Jänner mit der dritten "Afrika! Afrika!"-Produktion die Schwerkraft angefochten. Ein "Chair Act" hat diesmal das Zeug dazu, das Publikum von den Sesseln zu reißen. Seine elf Stühle verwendet der Akrobat dabei nicht als Sitzgelegenheiten. Sie werden übereinandergestapelt, damit er ganz oben einhändig einen Handstand vollführen kann.

Auch bei der Akrobatentruppe aus Tansania ist die dreistöckige Menschenpyramide nur das Basislager, von dem aus Luftsprünge vollführt werden. "Hakuna Matata" heißt die Artistenschule in Daressalam, aus der sie kommen. Übersetzt bedeutet das: Alles kein Problem. Dabei fasziniert nicht nur die Leichtigkeit, sondern vor allem auch das streng durchgehaltene Timing.

Nur Choreograf Georges Momboye kommt am Tag nach der Premiere in Berlin ein paar Minuten später zum Interview. Er musste noch kurz mit André Heller telefonieren. Früher assistierte Momboye bei der Umsetzung von Hellers Idee. Jetzt ist er der Hauptverantwortliche. "Eine große Freiheit, aber auch ein großer Druck" seien damit verbunden, erzählt er.

Heller zog sich 2014 aus seinen Shows zurück. Dass es trotzdem eine Neuauflage gibt, liegt daran, dass sich der Veranstalter Showfactory die Rechte sicherte und Momboye als Choreografen sowie Hubert Schober als Produzenten verpflichtete. Auch Schober strahlt nach dem Tourauftakt im Theater am Potsdamer Platz eine gewisse Erleichterung aus. "Es gab viele Widrigkeiten zu bewältigen", erzählt er. Zähe Visa-Bewilligungen, verspätete Flüge und Probenverletzungen zählen zu den Problemen, die bis kurz vor Tourbeginn zu lösen waren. "Das gehört zum Zirkusleben."

Das Risiko der Publikumsreaktionen lässt sich leichter eingrenzen: Einige Bausteine wurden aus den erfolgserprobten Versionen übernommen, etwa die fliegenden Basketballer, der Gumboot Dance oder die Breakdance-Einlagen. In ihnen verbinden sich afrikanische und afroamerikanische Kultur, genau wie in der Live-Band, wo E-Gitarre und traditionelle Kora nebeneinander Platz haben.

Einen "Kontinent des Staunens" wollte André Heller präsentieren und damit auch ein Gegenbild zu den täglichen Katastrophenschlagzeilen aus Afrika zeigen. Die Schlagzeilen haben sich allerdings zwischenzeitlich noch weiter verschärft. Doch Momboye setzt als Choreograf deshalb nicht auf noch mehr Quirligkeit. "Ich will den Spannungsbogen langsam aufbauen, Zeit zum Durchatmen lassen." Das ist auch nötig, nachdem man etwa einem Verrenkungskünstler zugeschaut hat, wie er die Arme hinter dem Körper verdreht oder die Wirbelsäule in alle (un)denkbaren Richtungen biegt. Wäre "situationselastisch" nicht schon in anderem Umfeld Wort des Jahres gewesen, hier würde es sich anbieten.

Der Warnhinweis "Versuchen Sie das nicht zu Hause" gilt für beinahe alle Kunststücke, die von den 69 Artisten aus verschiedenen afrikanischen Ländern vollführt werden. Dass es dabei um Show geht und nicht um intellektuelle Auseinandersetzung (diesmal ist auch eine lebensgroße Elefantenpuppe im Spiel), wird "Afrika! Afrika!" immer wieder angekreidet. "Willkommen beim Karneval der nivellierten Kulturen" titelte etwa die "Welt", zollte aber dennoch den "talentierten und würdevollen" Artisten Respekt. Schließlich verzichtet die Show auf Hightech-Kunststücke, wie sie etwa der Cirque du Soleil populär gemacht hat. Körperbeherrschung, Charme und Energie punkten bei "Afrika! Afrika!" auch so.

Eine der spannendsten Nummern ist aber zugleich die stillste: Beim Rigolo-Akt baut Andreis Jacobs aus dreizehn langen Palmblatt-Rippen ein fragiles Mobile, an dessen äußerstem Punkt eine Feder ruht. Als sie bei der Premiere nach gelungener Übung zu Boden segelte, gab es Standing Ovations.

Termine: 7. bis 11. Februar Salzburg, Salzburgarena; 1. bis 4. März Innsbruck, Olympiahalle; 5. bis 7. März
Klagenfurt, Wörtherseehalle; 8. bis 16. März in Linz, TipsArena; 17. bis 25. März Graz, Stadthalle. www.afrikaafrika.de

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