Kultur

Akustisches Insel-Hopping mit Olga Neuwirth im MQ

Olga Neuwirth lud am Montagabend die Wien-Modern-Gäste zum imaginären Insel-Hopping - und das in einem Multifunktionssaal, der akustisch aber eigentlich eine Kirche darstellte. "Encantadas" lautet der Titel dieses in mancherlei Hinsicht wahnwitzigen Projekts, mit dem die österreichische Komponistin in den vergangenen Monaten reüssierte.

So hatte das französische Ensemble intercontemporain das von Wien Modern koproduzierte Werk unter Matthias Pintscher bereits in Paris, Luzern oder Amsterdam aufgeführt. Nun war die Halle E des Wiener Museumsquartiers an der Reihe, sich klanglich in die venezianische Kirche San Lorenzo zu verwandeln. Schließlich hat die 49-jährige Neuwirth für ihr 70-minütiges Stück vornehmlich auf die Wirkung des Klangs im Raum fokussiert und dazu die akustischen Eigenschaften des Gotteshauses in Venedig von den Experten des von Piere Boulez gegründeten Pariser Akustikinstituts Ircam nachbauen lassen.

Mittels Ambisonic-Verfahren mutiert nun jeder beliebige Raum zur sakralen Klangstätte, werden doch die eigentlichen Eigenschaften des Veranstaltungsortes nivelliert. Es entsteht ein klanglich unhierarchischer Raum, teilt Neuwirth doch das Ensemble in sechs Gruppen, die sich rund um das Auditorium in der Mitte verteilen. Und so ist "Encantadas" in gewissem Sinne und ungewöhnlich für Neuwirth mehr eine elaborierte Klanginstallation denn ein dramaturgisches Werk.

Und dennoch wirft das Stück getreu dem heurigen Festivalmotto "Bilder im Kopf" das Kopfkino an, lässt die Tonsetzerin doch die kleinen Klanginseln des fragmentierten intercontemporain eine akustische Reise durchlaufen. Alles beginnt mit elektronisch zugespieltem Wellenschlag als Prolog, der die Zuhörer gedanklich den winterlichen Temperaturen entfliehen, an den Tidenhub in der Lagune denken lässt. Vögel und Wind, Flugzeuge und Straßenambiente dominieren diesen Beginn, der durch das scheppernde Schließen der Kirchentüren ins Innere wechselt.

Und in diesem Innenraum startet die narrative Reise zu fünf verschiedenen Eilanden - hat die Komponistin den Titel ihres Werks doch dem gleichnamigen Buch Herman Melvilles entnommen, der damit die Galapagosinseln bezeichnete. So ist "Encantadas" ein weiteres Kapitel in der langjährigen Beschäftigung Neuwirths mit dem Autor, zu der unter anderem das an der Finanzierung gescheiterte Filmprojekt "Songs of the unleashed ocean" oder das zwiespältig aufgenommene Musiktheatervorhaben "Herman Melville, The Outcast" gehören.

In ihrem aktuellen Werk lässt Neuwirth nun klangliche Inseln vor dem inneren Auge und dem äußeren Ohr ihres Publikums auftauchen und wieder verschwinden. Streicherteppiche türmen sich auf nervösen Percussiontremolos auf, die wie Vollblutpferde vor dem Startschuss zittern, oder wirbeln kleine Glissandi auf einer Didgeridoo-ähnlichen Basslinien herum. Mal zerfasern die Klanginseln autistisch in eine scheinbar von einander unabhängige Kakofonie, um sich alsbald in Echos oder im tonalen Rahmen aufeinander zu beziehen oder im Flirren beinahe stillzustehen.

Bisweilen ist die eigentliche Klangquelle dabei nur schwer auszumachen. Ebenso bleibt oftmals offen, welcher Klang vom Band und welcher von den akustischen Instrumenten herrührt, die sich an der Geräuschkulisse beteiligen und auch mal knarrende Schiffsplanken imitieren. Zugleich blitzt immer wieder auch die Neuwirth'sche Ironie durch, wenn sie Stimmen in ihre musikalische Seefahrt einflechtet, darunter etwa die der Manga-Kunstfigur Miku Hatsune.

Am Ende, wenn der Anker gesetzt ist, lautet die Bilanz, dass bei dieser Fahrt auf der hohen See des Klangexperiments niemand Schiffbruch erleidet. Mit 70 Minuten ist die alles andere als gemütliche Ausfahrt jedoch ein wenig lang geraten.

Quelle: APA

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