Kultur

Alfred Dorfer: Das Wahre verliert gegen das Richtige

Die Welt bröckelt. Aus den Bruchstücken baut der philosophische Wortklauber Alfred Dorfer ein großes, neues Programm.

Alfred Dorfer mit seinem neuen Programm „und ...“ SN/APA/dpa/Daniel Karmann
Alfred Dorfer mit seinem neuen Programm „und ...“

"Gleich bin ich bei Ihnen", sagt Alfred Dorfer ins Publikum. Da ist er aber eh schon auf der Bühne. Er muss halt noch schnell fertig telefonieren. Danach erst kann die Satire beginnen - oder ist es so, dass dieses Handy-Herumgetue, bei dem Privates öffentlich wird in Bus und Bahn und überall, längst die Satire ist? Jeder für sich, alle allein, und trotzdem ist ein Dauerplappern das Grundgeräusch.

Später im Programm wird Dorfer sagen: "Kontaktlosigkeit wird Mode." Das schließt einen Teufelskreis der Entfremdung, in dem der 55-jährige Kabarettist sein neues Programm spielen lässt.

"und . . ." heißt Dorfers erstes Soloprogramm seit elf Jahren. Am Mittwoch hatte es im Münchner Lustspielhaus Premiere. In Österreich wird es ab Oktober zu sehen sein. Dieses Wörtchen "und . . ." könnte man aussprechen, dass es nach "eh wurscht" klingt. Oder man betont es wie eine Aufforderung: "Und was jetzt?" Zwischen diesen Polen bewegt Dorfer raffiniert die Sprache, wenn er alternative Fakten einer Welt auslotet, die aus den Fugen gerät. Es geht um allerlei Zeit erscheinungen und Trends zwischen dem "Gleichheitsscheiß" der Genderwelt, einem ordentlichen, neuen Männerbild, dem "Gefasel von der Toleranz", das anhebt, "wenn der Respekt verloren geht". Er wirbelt Worte, um den Verfalls erscheinungen der Demokratie oder dem Kult des Ernährungsfaschismus nachzuspüren. Wie fängt man da an? Wie kommt man dem Irrsinn aus? Und vor allem: Wie lässt sich das aushalten? Vielleicht hilft es, wenn man René Descartes' "Ich denke, also bin ich" neu liest: "Wenn ich beim Hofer zwei Bananen stehle und mir nichts dabei denke - war ich es dann nicht?"

Einen Umzug nimmt Dorfer als äußeren Rahmen seines Programms. Veränderung spielt so leicht und immer mit. Zuerst geht es tief ins eigene Innere, wo er feststellt, dass es seltsam sei, "wenn man wird, wie man nie war", und als Vater das Glück habe, "Fehler nicht mehr nachmachen, sondern vormachen" zu können. Im zweiten Teil bekommt das ohnehin bloß angeblich Private eine deutlichere politische Ebene, in der es darum geht, die Geschichte im Umgang mit Demokratie (oder Gründe für ihr Dahinsiechen) zu hinterfragen.

Den sprachgewieften Philosophen Dorfer begleitet immer der Alfred, dessen Name bedeutet "der mit den Elfen sprechen kann" und der also einer ist, der auch die Träumerei beherrscht. Vor allem steckt im Alfred aber eine Wut über die Oberflächlichkeit, mit der sich die Menschen abspeisen lassen.

Einer, der die Wahrheit liebt, tritt da an gegen Verdummung und Ent-Verstandisierung. Freigesprochen wird keiner - erst recht nicht das eigene Publikum. Denn auch die angeblich so Aufgeklärten unserer Zeit schlagen, wo Dummheit sich breitmacht, nicht kräftig zu, sondern packen - auch wenn irgendeiner nur Schwachsinn erzählt - verständnisvoll und hilflos ihr "Lieblingsadjektiv" aus: "interessant".

Als Opposition zu schicken Phrasen, korrektelnder Freundlichkeit und verharmlosenden Wordings bildet Dorfer treffsichere Wortgebäude, harte Pointen und subtilen Witz. Er entlarvt den Lug, hinter dem bittere Wahrheit verschleiert wird. Denn: Eine Streiterei in einer Beziehung bleibt eine Streiterei, auch wenn man "Beziehungsoptimierungsgespräch" sagen könnte.

Dorfer macht deutlich, wie die Menschen zugeballert werden von Information - und wie in solcher Flut immer weniger etwas "Wahres" siegt. Dafür aber wird vieles je nach Sichtweise zum "Richtigen" erklärt. Andere Sichtweisen bringen dann bei gleicher Grundlage andere Richtigkeiten hervor. In solcher Irritation bleibt nur die Flucht in immer wieder neueste Studien der Hirnforschung. "Da stehen dann drei, vier Achtelintellektuelle und halten die Köpfe schief, damit das Halbwissen zusammenrinnt."

Ein Job des Wortes "und" ist übrigens, Wörter, Wortgruppen, Satzglieder oder ganze Sätze miteinander zu verbinden. Oder eben Gedankenflüsse, die aus dem Irrsinn der Gegenwart fließen. Aus dieser Quelle schöpft Alfred Dorfer seine Gleichnisse. Sie lassen Gut und Böse erkennen. Dorfers Sprachkönnen und Ausdrucksvielfalt erforscht jenen Grauzonen und Schattenreiche des Geistes, die so furchtbar abhandenkommen in einer Welt, in der brutal mit plakativer Vereinfachung und Polarisierung regiert wird.

Das ist im Bestand alles bitter und von Dorfer g'scheit unterhaltsam formuliert. Und weil eben alles so kompliziert geworden ist, geht es mit dem Humanisten Dorfer dann in Platons Höhle - als einst erste und nun vielleicht letzte Möglichkeit, eine Erkenntnis zu erlangen. Bloß weiß der gebildete Dorfer, dass die alten Griechen in ihrer Polis jene, die sich aus dem Spiel genommen haben, weil sie glaubten, nicht politisch sein zu müssen, "idiotes" genannt haben. Und werden jetzt viele sagen: Und . . .? Ja eh!

Aufgerufen am 24.09.2018 um 07:25 auf https://www.sn.at/kultur/alfred-dorfer-das-wahre-verliert-gegen-das-richtige-386866

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