Kultur

Ai Weiwei im Interview: "Auch ihr habt Probleme mit Zensur und Meinungsfreiheit"

"Die Menschen denken, dass meine Kunst zutiefst politisch ist, weil sie zutiefst menschlich ist", sagt der chinesische Künstler.

Der Künstler Ai Weiwei ist derzeit in Wien. In der Albertina Modern legte er letzte Hand an seine Ausstellung, die am Dienstagabend eröffnet wird. Am kommenden Dienstag (22. März) soll seine "Turandot"-Inszenierung an der Oper in Rom Premiere haben. Zwischendurch fand er Zeit, der APA ein paar Fragen zu beantworten.

Der Ausstellungstitel "In Search of Humanity" wirkt aktuell. Wo versteckt sich die Menschlichkeit derzeit? Kann man sie in diesen Zeiten des Krieges überhaupt irgendwo finden?
Ai Weiwei: Solange es Menschen gibt, wird es auch Menschlichkeit geben. Es gehört untrennbar zum Menschsein dazu. Doch in der Gesellschaft, in der Organisation des menschlichen Zusammenlebens, sieht man eine große Bandbreite an Ausformungen. In der Geschichte und in der Gegenwart sehen wir viel, was dem widerspricht. Jede Art von Nationalismus und Autoritarismus steht ihr entgegen.

Ihre Kunst ist zutiefst politisch. Gegenwärtig wird in Europa geschossen und gebombt. Muss die Kunst schweigen, wenn Waffen sprechen? Oder muss sie noch lauter werden, um gehört zu werden?

Die Menschen denken, dass meine Kunst zutiefst politisch ist, weil sie zutiefst menschlich ist. Ich sehe keine andere Art von Kunst. Wenn jemand von sich denkt, seine Kunst sei nicht politisch, muss ich sie für unmenschlich halten. Ich spreche in meiner Kunst von menschlichen Kämpfen, Freuden und Leiden, von Träumen und Albträumen, von Vorstellungen und Ängsten. Meine Kunst spricht von Menschenrechten, Meinungsfreiheit, persönlicher Freiheit. Sie verteidigt die Menschlichkeit. So funktioniert meine Kunst. Aber ich muss zugeben, dass ich das Gefühl habe, dass in diesen Tagen Kunst nicht gut funktioniert.

Ist Kunst eine Sprache, die überall gleichermaßen verstanden wird?

Kunst ist niemals eine Universalsprache. Sie reflektiert immer spezifische historische und ästhetische Erfahrungen, vermittelt von Religionen, Erziehung, Tradition, aber auch von herrschenden Klassen. In dieser Ausstellung findet man Kunstwerke, die extra hergestellt wurden - aus Holz, Marmor oder Porzellan. Und man begegnet Stücken, die "draußen" gefunden und in die Ausstellung gestellt wurden.


Was macht einen Gegenstand zum Kunstwerk?

Der Punkt ist: Man macht Kunst nicht, um Menschen zu gefallen, um die Gesellschaft auszuschmücken oder um eine Ideologie zu unterstützen. Man macht Kunst, um zu schreien. Um sie zu einem hörbaren Argument zu machen. Kunst muss immer ein Fragezeichen sein.

Wie reagieren Sie als Künstler auf den Ukraine-Krieg?

Die Zeit seit Beginn der Invasion ist dafür zu kurz. Wenn ich etwas Spezielles darüber machen werde, muss es sich erst entwickeln. Aber alles, was ich gemacht habe, ist letztlich mit der aktuellen Krise verbunden. Die Flüchtlingskrise seit 2015 ist von Europa ignoriert worden, Leute sind in das Meer geschmissen worden und ertrunken. Europa hat so getan, als gäbe es das nicht - bloß, weil diese Menschen eine andere Hautfarbe hatten. Was soll man sagen? Es gibt über 70 Millionen Flüchtlinge in der ganzen Welt.

Denken Sie daran, in Ihrer "Turandot"-Inszenierung in Rom eine aktuelle Reaktion auf den Krieg einzubauen?

Ich habe vor sehr langer Zeit begonnen, an dieser Inszenierung zu arbeiten. Dann kam die Pandemie und wir mussten pausieren. Und jetzt kam auch noch die Invasion. Konzeptionell habe ich versucht, allgemeine menschliche Bedingungen und Rachefantasien zu reflektieren, aber auch die Situation in Hongkong, die Pandemie und die Flüchtlinge. Die Oper ist sehr stark. Sie spricht von der Vergangenheit und von der Gegenwart gleichermaßen.


Werden Sie künftig Ihr künstlerisches Repertoire um Operninszenierungen erweitern?

Nein, ich glaube, das wird eine einmalige Sache bleiben. Es braucht wirklich eine Riesenanstrengung, um eine Oper herauszubringen. Und ich habe so viele andere Dinge zu tun.


Die meisten Fragen der heutige Pressekonferenz betrafen politische, globale Fragen und nicht Ihre Kunst. Trifft Sie das?

Nein, nein, das sind ja alles Fragen, die ich mir derzeit auch stelle. Ich würde keine Kunst machen, wenn mir die Krisen der Menschheit egal wären.

Wie gefährlich ist das derzeitige Zusammenrücken der autoritären Regime von China und Russland?

China hat sich seit einem halben Jahrhundert nicht geändert, auch Russland nicht. Sie haben beide stark autoritären Charakter. Was mich mehr beunruhigt, ist der Westen: Ihr habt auch deutliche Probleme mit Zensur und Meinungsfreiheit. Ihr benützt diese Begriffe mehr als Propaganda, als dass ihr wirklich einen freien Fluss von Informationen gewährleistet. Das ist ein echtes Problem des Westens, das aber ignoriert wird. Wenn man das jedoch akzeptiert, würde man das ganze System von Demokratie und freier Gesellschaft zusammenbrechen lassen.


Werden Sie in Portugal wohnen bleiben oder haben Sie andere Pläne?

Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt. Ich bin ein Flüchtling, als solcher bin ich ein Getriebener. Sollte aber der Dritte Weltkrieg ausbrechen, werden die Atombomben vielleicht nicht gerade ausgerechnet auf Portugal fallen.


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