Kultur

Albertina zeigt Niko Pirosmani

Tiere waren nicht seine Stärke. Löwe und Giraffe kommen so wie von Niko Pirosmani gemalt in der freien Natur nicht vor. Und auch sein auf einem Ast balancierender "Bär in mondheller Nacht" wirkt eher wie eine Kreuzung aus Wolf, Fuchs und Wildkatze auf dem Plakat eines Horrorfilms. "Es sind Traumbilder, gemalte kollektive Träume", erklärte Kuratorin Bice Curiger am Donnerstag in der Albertina.

Dort wird am Donnerstagabend mit "Niko Pirosmani - Wanderer zwischen den Welten" eine Ausstellung eröffnet, die "in jeder Hinsicht eine Ausnahme" sei, wie Albertina Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder erläuterte. Die Initiative sei von Ciprian Adrian Barsan ausgegangen, dem jungen Gründer der Infintart Foundation, der bei der Albertina damit "offene Türen eingerannt" sei, denn "wir haben lange von dieser Ausstellung geträumt".

Schließlich sei man bei der Beschäftigung mit der russischen Avantgarde auf die starke Bezugnahme der Moskauer Gruppe "Zielscheibe" auf den georgischen Autodidakten gestoßen, der mit Gustav Klimt die Lebensdaten gemeinsam hat: 1862 bis 1918. "Er ist der wichtigste und einflussreichste Maler Georgiens, gilt als 'Rousseau des Ostens' und ist im Westen noch immer wenig bekannt", sagte Schröder.

Dass sich das durch die Albertina-Schau ändern möge, darauf hofft nicht nur David Lordkipanidze, der Generaldirektor des Georgischen Nationalmuseums, der sich über den "Kulturtransfer von einer Hauptstadt zur anderen" freute: "Genau hierher, in dieses tolle Museum, gehört Pirosmani. Für manche mag er als naiver oder primitiver Künstler gelten, für uns hat er eine große Bedeutung." Auch Georgiens Vize-Kulturminister Mikheil Giorgadze zeigte sich über die "außergewöhnliche Chance" eines "Showcase für einen nationalen Schatz" begeistert, der nicht nur die Sicht auf Pirosmani verändern, sondern auch Lust auf nähere Befassung mit der reichen Kultur des Landes wecken möge.

Die von Bice Curiger und Elisabeth Dutz kuratierte Ausstellung hinterlässt freilich einen zwiespältigen Eindruck. Unter den 30 Leihgaben der Georgischen Nationalgalerie dominieren die eingangs erwähnten Tierbilder. Neben Tieren, die Pirosmani nie leibhaftig zu Gesicht bekam und für die er sich vermutlich von Fotos inspirieren ließ, gibt es Rehe, Füchse, Hirsche, Schweine und Hasen sonder Zahl. Jene Bilder, die auf faszinierend kindliche Weise das Leben seiner Zeit eingefangen haben, sind unterrepräsentiert.

"Prosmani war ein Vagabund, er hat für Essen und Unterkunft gemalt", erzählte Curiger, die den Maler erstmals bei einem Tiflis-Besuch 1988 für sich entdeckt hatte. Bilder wie "Brücke mit Esel" oder "Geburtstagsfest am Fluss Zcheniszqali" zeigen fröhliche Festgelage, bei denen bärtige Männer dem Betrachter zuprosten,. Andere Werke, von Pirosmani meist in leuchtenden Farben auf schwarze Öltücher gemalt, rücken die landestypischen Quevris, tönerne Gefäße zum Vergären des Weins, ins Zentrum. Für Curiger sind dies "kulturelle Narrative von anderen Lebenszusammenhängen": "Niemand kann sagen, ob es Dokumente sind, die zeigen, wie die Leute damals wirklich gelebt haben."

Curiger, die ehemalige Direktorin der Biennale Venedig und derzeitige Leiterin der Fondation Vincent van Gogh in Arles, hatte 1995 Pirosmani im Kunsthaus Zürich in der Ausstellung "Zeichen und Wunder" zusammen mit Künstlern wie Jeff Koons und Katharina Fritsch gezeigt. Auch in Wien setzt man auf Gegenwartskunst. Im Zentrum der Pfeilerhalle steht ein aus mehr als 600 Plexiglaswürfeln zusammengesetzter großer Tisch, in dem zahllose blaue Rosen eingearbeitet sind. Der japanische Architekt und Pritzker-Preisträger Tadao Ando hat in diesem extra entworfenen und sieben Meter langen Tisch auf eine Rede Pirosmanis Bezug genommen: Alles, was man brauche, sei ein Haus im Zentrum von Tiflis und einen langen Tisch, an dem man über Kunst reden könne, hat dieser einst gemeint.

Andos Tisch, der auch als symbolisches Grabmal fungiert (Pirosmani starb einsam an Leberversagen und Unterernährung und wurde in einem heute nicht mehr lokalisierbaren Armengrab bestattet) wird die Ausstellung auf ihrer geplanten Tournee - mit Stationen u.a. in der Schweiz und in Japan - begleiten. Am Ende sollen Werke von 12 weiteren Künstlern rund um den Tisch versammelt sein, verriet Schröder.

Die ersten sieben sind bereits in Wien vertreten: Zu sehen ist eine neue zweiteilige Tuschezeichnung "Pirosmani und Hokusai" von Georg Baselitz, ein Pirosmani-Porträt des 41-jährigen rumänischen Künstlers Adrian Ghenie, ein Kleinformat der US-Amerikanerin Karen Kilimnik, ein Kiki Smith-Selbstbildnis mit dem Titel "Blaue Sterne über blauem Baum", zwei Bilder von Yoshitomo Nara, in denen der "Meister des Tokyo Pop" Gemälde Pirosmanis aufgenommen hat, eine (wie andere Werke ebenfalls im Besitz der Infinitart Foundation befindliche) Skulptur des georgischen Künstlers Andro Wekua sowie ein Buch mit einer Kaltnadelradierung Pablo Picassos, die Pirosmani beim Malen zeigt.

Um dieses "Künstlerfest für Niko Pirosmani" zu finden, müssen allerdings die Besucher selbst zu "Wanderern zwischen den Welten" werden. Diese Werke müssen - weitab des Tisches - erst in der tiefer gelegenen Basteihalle in der Ausstellung "Warhol bis Richter" gefunden werden.

Quelle: APA

Aufgerufen am 17.11.2018 um 05:47 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/albertina-zeigt-niko-pirosmani-59201893

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