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"Alphabet": Albertina würdigt Ikonographie des Keith Haring

Kunst sei nichts, wenn sie nicht alle und jeden erreiche, meinte Keith Haring. Kunst als verklausulierter Denksport für die Elite war nichts für den US-Künstler, der gerne mit leichter, fröhlicher Muse in Verbindung gebracht wird. Zu seinem 60. Geburtstag, fast 30 Jahre nach seinem Tod, präsentiert man ihn in der Wiener Albertina (ab 16. März) dennoch einmal ganz anders: Als Meister.

Haring-Schau kommt nach Wien SN/APA (dpa)/PETER KNEFFEL
Haring-Schau kommt nach Wien

Haring sei "einer der größten Zeichner des 20. Jahrhunderts", so Direktor Klaus Albrecht Schröder bei der Pressekonferenz am Mittwoch, deshalb zeige man ihn "wie einen Raffael oder einen Michelangelo". Waren Harings Selbstinszenierungen von überhäuften Wänden und überbordenden Eindrücken gekennzeichnet, atmet die Basteihalle hier die von viel Platz getragene Schwere der kunsthistorischen Bedeutung.

"Alphabet" nennt sich die Schau, die Harings einzigartige Codes, die Piktogramme und Ikonografien seiner Männchen, seiner Hunde, seiner Babys, seiner Schwangeren, seiner Atompilze, seiner Fische, seiner Mickey Mäuse als semantisch komplexe Zeichensprache begreift und in den Saaltexten entschlüsselt. Ein wenig fühlt sich der Streifzug durch das Werk an wie eine Schau zu Hieroglyphen oder Berberkunst. "Ihre Bedeutung erlangen die Zeichen erst im jeweiligen Kontext", erläuterte Kurator Dieter Buchhart das 1980 begonnene Alphabet. Zu den heutigen Bildwörtern der Emojis stehen sie zwar in verwandtschaftlichem Verhältnis - im Gegensatz zu deren Verknappung von Inhalt, stellen sie aber durch konsequente Vieldeutigkeit eine Überhöhung der konkreten Themen dar.

"Jeder Künstler ist ein Kind seiner Zeit - aber nicht jeder Künstler ist ein Zeitzeuge", betonte Schröder die starke und wache Verknüpfung von Harings Werk mit prägenden Erlebnissen wie der Errichtung der Berliner Mauer, der Ära von Thatcher und Reagan, der Mondlandung, der Atomunfälle, der südafrikanischen Apartheid und nicht zuletzt der Homosexuellen-Verfolgung und Stigmatisierung von AIDS. Die Krankheit, die nach dem vieler seiner Freunde auch seinem eigenen Leben ein Ende setzen sollte, durchdringt vor allem das dystopische Spätwerk des Künstlers mit prophetisch-düsterem Impetus. Dass Haring "alles andere als ein fröhlicher Künstler" (Schröder) war, ist in dieser Personale nicht zu übersehen.

Seine Ängste bahnten sich vielfältig ihren Weg ins Bild: Die Hunde springen durch das Loch im Bauch eines Mannes (inspiriert vom Mord an John Lennon), eine gefräßige Raupe mit Computerschädel verdeutlicht nicht nur Harings Technologieskepsis, sondern auch seine Befürchtungen um das Ende des Humanismus. Angst machte ihm mit zunehmendem Alter auch die Leere: Wo seine stets konkret ausgeformten Zeichen früher einwandfrei erkennbar sind, werden sie in späteren Arbeiten überwuchert von Musterungen und Kringeln. Mitunter muss man schon ein paar Schritte zurückweichen, um die "Buchstaben" seines Alphabets überhaupt noch entziffern zu können.

Die 90 Werke der Schau stammen zum überwiegenden Teil von privaten Leihgebern. Sieben Jahre nach seinem Tod hatte es eine große Retrospektive im New Yorker Whitney Museum gegeben, erzählte die Direktorin der Keith-Haring-Foundation, Julia Gruen, die schon zu Lebzeiten sein Studio leitete. "Das war vielleicht zu früh." Doch nun in einem "Museum wie diesem" ausgestellt zu sein, das sei "eine unglaubliche Ehre". Die Foundation hat ihren Sitz immer noch in Harings Studio. "Er ist schon so lange tot", so Gruen. "Jetzt, wo ich selbst älter werde, merke ich erst, wie tragisch früh er aus dem Leben gerissen wurde."

(S E R V I C E - "Keith Haring - The Alphabet", von 16. März bis 24. Juni, Basteihalle, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr. www.albertina.at)

Quelle: APA

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