Kultur

Athen bekommt den Parthenon-Fries nicht als Leihgabe

Das Thema wird derzeit weltweit diskutiert: Seit 1982 fordert Athen von London die Rückgabe wertvoller Marmorskulpturen, die einst den Fries des Parthenon-Tempels der Akropolis zierten. Jetzt kam die Absage.

Der Parthenon ist der Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos auf der Athener Akropolis. SN/dpa/ana-mpa
Der Parthenon ist der Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos auf der Athener Akropolis.

Kampfszenen, Reiter, Wagen, Opfertiere, Götter und Heroen - der marmorne Parthenon-Fries der Akropolis gilt als Meisterwerk der Skulptur. Rodin, Degas, Gauguin und viele andere große Künstler nahmen ihn sich als Vorbild der Vollendung in der Bildhauerei. Allein, in seiner Gesamtheit lässt sich der Fries nicht bewundern. Seit mehr als 200 Jahren befinden sich 56 seiner 96 Marmorplatten im British Museum in London. Dessen Chef stellt klar: Nach Athen würde er die Kulturgüter nicht einmal als Leihgabe senden.

Die Marmorplatten seien nicht das Eigentum Griechenlands, sagte der deutsche Kunsthistoriker und Chef des British Museum, Hartwig Fischer, der griechischen Zeitung "Ta Nea" (Samstag). Und: "Wir verleihen nur an jene, die die Eigentumsverhältnisse anerkennen." Rund sechs Millionen Menschen bewunderten die Skulpturen jedes Jahr in London. Dass die Marmorplatten dorthin gelangt seien, hänge mit der komplexen Geschichte der Akropolis zusammen und sei nun als Teil derselben zu betrachten, argumentierte Fischer.

Fischer habe in dem Interview nur die langjährige Position des Museums widergegeben, sagte eine Pressesprecherin der Einrichtung in London. "Wir glauben, dass es einen großen öffentlichen Nutzen hat, wenn wir diese wunderbaren Objekte im Kontext einer Weltsammlung sehen können."

Das Thema wird weltweit diskutiert

Das Thema wird nicht nur zwischen London und Athen, sondern weltweit diskutiert. Star-Anwältin Amal Clooney wollte deshalb sogar vor internationale Gerichte ziehen, aber Athen winkte ab. Der Ausgang sei zu unsicher. Die Griechen setzen auf eine politische Lösung. Zumindest Oppositionschef Jeremy Corbyn von der Labour-Partei kündigte bereits an, er wolle Verhandlungen über eine Rückgabe mit Athen aufnehmen, sollte er zum Premierminister gewählt werden.

Andere britische Politiker und Kunstexperten argumentieren, man wolle keinen Präzedenzfall schaffen - das könnte die Schleusen für eine Reihe von Forderungen aus dem Ausland öffnen. Die britischen Museen sind voller Artefakte, die die einstige Kolonialmacht erbeutet, unter zweifelhaften Umständen erworben oder in Sicherheit gebracht hat.

Entsprechend fallen die griechischen Kommentare im Internet aus. "Wenn sie alles zurückgeben, was sie geklaut haben, können sie ihre Museen direkt zumachen", hieß es unter anderem als Reaktion auf das Fischer-Interview. Aufgegeben haben die Griechen den Marmor aber noch nicht. So engagieren sie sich unter anderem mit der Internet-Kampagne "Bring them back" (Bringt sie zurück), bei der bereits 470 000 Menschen unterzeichnet haben. Das Ziel: Bei mehr als einer Million Unterzeichner vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.

Auf dem Fries sind erstmals Bürger zu sehen

Der Parthenon wurde zum Dank für die Rettung der Athener und Griechen durch die Göttin nach dem letzten Perserkrieg als dorischer Peripteros erbaut. Im Laufe der Geschichte Griechenlands diente das Gebäude unter anderem auch als Schatzkammer des Attischen Seebunds. Der Parthenon ist eines der berühmtesten noch existierenden Baudenkmäler des antiken Griechenlands und eines der bekanntesten Gebäude weltweit. Das Gebäude beherrscht als zentraler Bau seit fast 2500 Jahren die Athener Akropolis.

Zum Unterschied von der üblichen Gepflogenheit, auf Tempeln Götter und Heroen wiederzugeben, sind auf dem Parthenonfries neben Pferden und anderen Tieren Bürger von Athen zu sehen, die der Göttin huldigen, ein Hinweis auf die unter Perikles entstandene demokratische Gesellschaftsordnung. Die 1836 gefundenen Farbspuren machten deutlich, dass der weiße Marmor des Parthenon bemalt war, wie früher in Griechenland üblich. Die gewaltigen Kosten der Bautätigkeit auf der Akropolis finanzierte Perikles mit den Abgaben, die Athen durch den Attischen Seebund einhob

Quelle: Dpa

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