Kultur

Bachmann und Celan: "Finstergewächse" auf Grazer Bühne

Gerade erst ist der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann mit Max Frisch in Buchform erschienen - das Grazer Theater Quadrat hingegen widmet sich derzeit einer anderen, nicht minder konfliktreichen Lebensbeziehung Bachmanns - jener mit Paul Celan. In "Finstergewächse" lieben und streiten sich die beiden Ausnahmeliteraten mit den scharfen Klingen ihrer eigenen Worte auf der Bühne. Am Freitag war Premiere.

Im Theater Quadrat lieben und streiten sich zwei Ausnahmeliteraten SN/APA/ANDREAS STANGL
Im Theater Quadrat lieben und streiten sich zwei Ausnahmeliteraten

Die Idee zu dem Stück hatten Ninja Reichert und Werner Halbedl von Theater Quadrat schon vor längerer Zeit. Dass die Umsetzung nun perfekt ins Vorfeld des kommenden 50. Bachmann-Todesjahres fällt, ist laut den beiden ein glücklicher Zufall. Für den Text der gut zweistündigen Performance, die sich in einer Künstlerwohnung im Haus des ehemaligen Grazer Gesellenvereinstheaters abspielt, haben Reichert und Halbedl ausschließlich Originaltexte herangezogen.

Während die gesprochene Einleitung zu dem Stück von Elfriede Jelinek stammt, rekrutieren sich die Dialoge hauptsächlich aus Briefen, Telegrammen, gegenseitigen Widmungen Bachmanns und Celans, die bereits 2008 unter dem Titel "Herzzeit" veröffentlicht wurden. Aber auch Gedichte und Schlüsselpassagen aus dem Bachmann-Roman "Malina" werden insgesamt zu einer erstaunlich homogenen, auch szenisch gut aufgelösten Collage verwoben.

Die beiden Schauspieler nehmen das Publikum - der Raumsituation geschuldet nicht mehr als 20 Personen pro Vorstellung - auf jene Hochschaubahn der Gefühle mit, die die rund zwei Jahrzehnte dauernde Beziehung der beiden Schriftsteller prägte. Weitgehend chronologisch durcherzählt, reißt der Spannungsfaden nie ab. Der dramatische Besuch Bachmanns 1950 bei Celan in Paris, die legendäre Lesung der Gruppe 47 in Niendorf zwei Jahre später und ein weiteres konfliktgeladenes Zusammentreffen in Wuppertal schon am Beginn von Bachmanns Beziehung zu Max Frisch sind die Kristallisationspunkte des in verschiedenen Zimmern der Wohnung angesiedelten Stationentheaters.

Beiden Schauspielern gelingt es, die widersprüchlichen Charaktere der beiden, an ihrer Lebensgeschichten und an ihrer Zeit leidenden Schriftsteller mit intensiven Konturen zu versehen. Hochfliegende Wortgefechte zweier oft aneinander Vorbeischreibender, leidenschaftliches Aufeinanderprallen, aber auch stille Momente voller Verzweiflung und Einsamkeit bieten genügend Gelegenheit dazu.

Obwohl an der Oberfläche ein literaturhistorisches Unterfangen, bietet "Finstergewächse" genug Widerhaken, an denen sich Gedanken an aktuelle Themen wie von selbst manifestieren. Da ist etwa jenes Liebesgedicht Celans an Bachmann, das den Titel "Corona" trägt, oder die Sprachpraxis Bachmanns, sich selbst sprachlich ins Maskulin zu setzen. So spricht sie nach einem Krankenhausaufenthalt von sich als "der Patient" oder sie schreibt an Celan "Ich bin der Erfahrenere von uns beiden".

Wer durch die Bachmann-Ausstellung im Wiener Literaturmuseum oder durch die Bachmann-Frisch-Korrespondenz "Wir haben es nicht gut gemacht" Lust auf mehr hat, sollte sich "Finstergewächse" keinesfalls entgehen lassen.

(S E R V I C E - "Finstergewächse - Ingeborg Bachmann und Paul Celan". Theater Quadrat mit Ninja Reichert und Werner Halbedl. Weitere Aufführungen: 26., 30. November, 1., 2., 7. Dezember sowie 14., 18., und 21. Jänner 2023, jeweils 20.00 Uhr. Infos und Tickets: https://theaterquadrat.at)

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