Kultur

Belgrader Stadtzentrum bekommt ein neues Aussehen

Das Belgrader Stadtzentrum soll ein neues Aussehen erhalten. Dazu wird wohl nicht nur das umstritten Mega-Bauprojekt Belgrade Waterfront am Save-Ufer beitragen, wo gerade u.a. ein 160 Meter hohes Hochhaus errichtet wird, sondern auch neue Denkmäler. Kritiker des künftigen Stadtbildes ziehen deshalb vermehrt Vergleiche zu Skopje, wo das Stadtzentrum im neoklassizistischen Stil umgebaut wurde.

Die Belgrade Waterfront ist umstritten SN/APA (AFP)/ANDREJ ISAKOVIC
Die Belgrade Waterfront ist umstritten

Die Umsetzung des Bauprojektes Belgrade Waterfront, in das die in Abu Dhabi ansässige Firma Eagle Hills laut Medienberichten etwa drei Milliarden Euro investieren will, wird die Skyline der serbischen Hauptstadt mit Gewissheit vollkommen verändern. Was Kritiker zu Vergleichen mit der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje veranlasst, ist allerdings nicht die Belgrade Waterfront, sondern die geplanten Denkmäler, die im Widerspruch zur vorhandenen modernen Architektur stehen.

"Während unsere Denkmäler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts problemlos auch im New York, Paris oder London jener Zeit stehen könnten, sehen jene im 21. Jahrhundert so aus, als ob sie aus einer russischen oder bulgarischen Kleinstadt aus der Zeit vor dem Jahr 1900 angeflogen seien", schrieb Historiker Predrag Markovic, ein sozialistischer Spitzenfunktionär, kürzlich in der Tageszeitung "Politika". Er hatte nicht nur das im direkten Stadtzentrum 2014 errichtete Denkmal an den letzten russischen Kaiser Nikolaus II. , ein Geschenk der Russischen militär-historischen Gesellschaft, im Sinne.

Markovic, der für moderne serbische Denkmäler gar den Begriff "Arkanisierung" in Anspielung auf das kitschige Grabdenkmal des im Jahre 2000 ermordeten Belgrader Mafiabosses Zeljko Raznatovic Arkan verwendet, erwartet offenbar noch Schlimmeres. Vom russischen Bildhauer Alexander Rukawischnikow wird nämlich soeben ein 28 Meter hohes Denkmal für Stefan Nemanja, den Gründer der serbischen mittelalterlichen Nemanjic-Dynastie, angefertigt. Die veröffentlichten Denkmalentwürfe lassen vermuten, dass sich Rukawischnikow - Schöpfer des Dostojewski-Denkmals in Dresden - stark von den Wünschen der Belgrader Auftraggeber leiten ließ, zu welchen keine Kunsthistoriker gehören dürften.

Der Gründer der Nemanjic-Dynastie (1113-1199), der den Titel eines Großzupans trug, soll auf einem riesigen, gebrochenen byzantinischen Helm dargestellt werden, aus welchem sein Herrscherzepter lugt. Es soll sich dabei um eine traditionelle russische Kunstauffassung handeln. Die wichtigsten Denkmäler der Russen seien in dieser Art gebaut worden - allerdings vor mehr als 150 Jahren, meinte die Wochenzeitschrift "Vreme" in ihrer jüngsten Ausgabe. Auch ähnle der riesengroße byzantinische Helm eher einem Faberge-Ei, spottete die Zeitschrift, die in ihrem Bericht auch auf einige Denkmal-Details hinwies, die mit dem Leben von Stefan Nemanja eigentlich gar nicht zu tun hätten. So etwa besaß der Großzupan gar kein Herrscherzepter.

Das Denkmal soll vor dem ehemaligen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Hauptbahnhof auf dem Sava-Centar, dem neuen Stadtzentrum, dicht an der Belgrade Waterfront aufgestellt werden. Vor wenigen Tagen wurde ein spanisches Architektenbüro mit der Umgestaltung des Platzes beauftragt. Mark Fenwick und Javier Iribarren, Schöpfer des 2010 in Dublin mit Stadium Business Awards gekrönten Stadium vom FC Espanyol in Barcelona, haben ihr Projekt, wie sie selbst erläuterten, bei antiken griechischen Theatern abgeschaut. Auf das Aussehen des künftigen Stefan-Nemanja-Denkmals, das im Zentrum des als eine Grünanlage geplanten Platzes stehen soll, konnten sie wohl keinen Einfluss nehmen.

Im Museum of Modern Art (MoMA) in New York hat kürzlich eine Ausstellung der modernen jugoslawischen Architektur zwischen 1948 und 1980 geendet. Große internationale Medien seien voll Lob für die einzigartige Kunst jenes Staates gewesen, stellte Markovic mit Sehnsucht fest. Die gegenwärtige Denkmalkunst in Belgrad dürfte nach Ansicht von Kritikern wohl kaum so lobende Worte finden.

Vor einigen Jahren war beschlossen worden, im Belgrader Stadtzentrum auch ein Denkmal an den 2003 ermordeten Premier Zoran Djindjic aufzustellen. Zur Kommission, die sich bei einer Ausschreibung für seinen Entwurf - eine zwei Meter hohe gebrochene Pfeil - entschied, gehörte damals auch der Wiener Architekt Boris Podrecca. Bis dato wurde das Denkmal, das nicht als ein Exempel der "neuen serbischen Denkmalkultur" anzusehen wäre, aber noch nicht aufgestellt.

Ein anderes Denkmal musste allerdings noch vor der Einweihung wieder entfernt werden. Auf einem großen Sockel war nämlich ein kleiner Kopf des Kosmonauten Juri Gagarin, des ersten Menschen im Weltall, zu sehen. Auf Sozialnetzen wurde das Denkmal in der Nähe eines Neu-Belgrader Gemüsemarktes sogleich in einen "Krautkopf auf einem Sockel" umbenannt.

Quelle: APA

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