Kultur

"Biedermann und die Brandstifter" im Volkstheater

Der im Laufe der Vorstellung einmal simulierte Feueralarm im ganzen Theater war übervorsichtig: "Biedermann und die Brandstifter" erwies sich bei der gestrigen Premiere im Wiener Volkstheater nicht als Feuersbrunst, sondern als wärmendes Lagerfeuer, nicht als flammendes Inferno, sondern als auf kleiner Flamme gekochtes Frischgericht, von Viktor Bodo angerichtet mit viel Klamauk und Komödiantik.

Biedermann und die Brandstifter" erwies sich als wärmendes Lagerfeuer SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Biedermann und die Brandstifter" erwies sich als wärmendes Lagerfeuer

"Ein Lehrstück ohne Lehre" nannte der Schweizer Dichter Max Frisch sein 1958 uraufgeführtes, umgearbeitetes Hörspiel, das es als politische Parabel zu großer Bühnenkarriere gebracht hat. "Brandgefährlicher Blödsinn" betitelt Dramaturgin Anita Augustin im Volkstheater-Programmheft ihre Überlegungen zur Aktualität des Stückes angesichts "pyromanischer Politik gewählter Regierungen, die es - so scheint's - auf einen Flächenbrand abgesehen haben".

Die Geschichte des biederen Bürgers, der sich ständig mit den Gefährdern arrangiert, im Glauben, so zumindest für sich selbst das Schlimmste vermeiden zu können, scheint tatsächlich sehr viel mit der heutigen Situation zu tun zu haben. Derart Augenfälliges wollte der zum dritten Mal am Volkstheater inszenierende ungarische Regisseur offenbar bewusst unterlaufen. Die Parabel über den mangelnden Mut zum Widerstand, das Lavieren und Arrangieren als scheiterndes Überlebensrezept, zerfällt in seiner rund 100-minütigen Inszenierung in viele einzelne Ideen, die nicht verdichten, sondern verblödeln.

Die Bühne von Juli Balazs etabliert die Atmosphäre einer französischen Salonkomödie. Tatsächlich würde Günter Franzmeiers Herr Biedermann in jedem Feydeau-Stück beste Figur machen. Umgeben von Frau (Steffi Krautz bewahrt den Hausverstand, ordnet sich jedoch ihrem Gatten unter) und Dienstmädchen (der Evi Kehrstephan eine schöne Spannung zwischen Servilität und Rebellion verleiht) hat er sich in seiner bürgerlichen Idylle gemütlich gemacht. Alles Fremde ist da nur Störung. Doch wer ihn, wie der ungebetene Gast Schmitz (hervorragend: Thomas Frank), richtig zu nehmen weiß, dem liefert er sich nahezu kampflos aus.

Wie Schmitz und seine Kumpanen (neben Jan Thümer zählt auch Gabor Biedermann zu den Brandstiftern) allmählich das Kommando im Hause Biedermann übernehmen, erinnert in den besten Momenten an Michael Hanekes geniale "Funny Games". Als die trauernde, lästige Witwe eines von Biedermann in den Tod getriebenen Angestellten (Claudia Sabitzer) in einem erschreckenden Gewaltausbruch des kriminellen Trios zum Schweigen gebracht wird, blickt das Gastgeber-Paar reglos ins Publikum. Damit will man nichts zu tun haben. Aber kein Finger wird gerührt, um es zu verhindern.

Doch dazwischen setzt die Regie immer wieder vor allem auf Effekt: Herabfallende Gegenstände, angespielte Filmszenen, Kaffeetrinken als Beischlaf-Simulation und als Höhepunkt eine mehrminütige Collage aus verschiedenen Sportszenen - von Feder-, Fuß- und Basketball bis zum Boxen - sollen wohl Wunsch- und Angstträume des Spießers illustrieren, wirken aber meist unnötig und aufgesetzt. Frischs gespenstischem Feuerwehr-Chor (Stefan Suske und Nils Hohenhövel) hat Bodo dagegen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

Und so sinniert man bei dessen "Wehe! Wehe!"-Chören nicht über heutigen Alarmismus oder republikanische Wachsamkeit, macht sich bei den Zurüstungen zur Feuersbrunst von Benzinfässern und Holzwolle bis zu Zündschnur und Zündkapsel keine Gedanken darüber, bei welcher Etappe man möglicherweise heute bereits hält, und weiß am Ende nach dem Reichen des Zündhölzchens nicht einmal so recht, wann's aus ist. Langer, herzlicher, aber nicht wirklich enflammierter Premierenapplaus.

Quelle: APA

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