Kultur

Bingen-Lieder als Ode an die Körperlichkeit

Mal ehrlich: Actionreichtum a la Hollywood erwartete sowieso niemand. Trotzdem gelang Francois Chaignaud und Marie-Pierre Brebant am Mittwochabend in den Gösserhallen mit Gesang und Lautenspiel, buntem Licht und Ausdruckstanz eine fesselnde Verkörperung der geistlichen Musik Hildegard von Bingens. Das Festwochen-Publikum durfte meditieren und wurde doch gebannt.

Am Beginn ihrer ungewöhnlichen musikalischen Reise stand für den Choreografen Chaignaud und seine Partnerin Brebant eine mehrjährige Beschäftigung mit dem historischen Notenmaterial. Um fast 1.000 Jahre alte mittelalterliche Musik wie die "Symphonia Harmoniae Caelestium Revelationum" der universalgelehrten Äbtissin überhaupt aufführen zu können, will sie zuerst entziffert und für die modernen Instrumente adaptiert werden.

Anlässlich der Wiener Festwochen saßen die Künstler nun, bis auf Lendenschurze völlig nackt, auf einem romanischen Podest aus Treppen und Rundbögen. Dabei wurden sie u-förmig umrahmt vom Publikum, das am Boden sitzend oder halb liegend schon vor Beginn meditierende Posen eingenommen hatte (entsprechende Sitzkissen mit Lehne brachten die Künstler zu diesem Anlass übrigens selbst mit). Ein erstes ästhetisches Erlebnis war die Inszenierung der beiden Körper: Mit langen, streng aufgetürmten Haaren, über und über mit Tätowierungen bedeckter Haut und stark geschminkten Gesichtern wurden Chaignaud und Brebant zu einem unrealen, elfenhaften Zwillingspaar.

In den folgenden zweieinhalb Stunden offenbarten der Choreograf und die auf Barockmusik spezialisierte Musikerin den Zuhörern und -sehern die Liedersammlung der heiligen Hildegard. Der Titel heißt auf Deutsch so viel wie "Symphonie der Harmonie der himmlischen Erscheinungen", das Werk ist in keinem herkömmlichen Konzertprogramm zu finden. Ohne nennenswerte Pause sang Chaignaud die unzähligen lateinischen Verse und wurde dabei von Brebant auf der Bandura, einem ukrainischen Lauteninstrument, begleitet. Allein aus gesangstechnischer Perspektive ist eine solche Performance ein Kraftakt. Wenn man jetzt noch hinzufügt, dass beide Künstler ausnahmslos auswendig musizierten, dann wird es fast unglaublich.

Natürlich kam die mittelalterliche Musik für modern geschulte Ohren über weite Strecken eher monoton daher: Die Singstimme bewegte sich in gleichbleibendem Ambitus kreisend über oder unter dem Instrumentalpart, der eine ganz eigene Rolle hatte und ein Gegengewicht zum Gesang bildete. Unterstützt von der kontrastreichen Beleuchtung bekam der Zuhörer während der Darbietung, die erst vor wenigen Wochen in Brüssel uraufgeführt wurde, aber schnell ein Gefühl für die feinen charakterlichen Unterschiede der musikalischen Sequenzen.

Chaignaud und Brebant, beide professionell ausgebildete Tänzer, wussten auch das Bewegungselement so einfließen zu lassen, dass die sakrale Musik für das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes sicht- und greifbar wurde. Zu Beginn wechselten sie von Zeit zu Zeit ihre Positionen am oder auf dem Podest, waren mal näher, mal weiter voneinander entfernt. Später tanzte Chaignaud zu ganzen Sequenzen solistischer Lautenmusik durch den Raum und damit auch das Publikum. Musik und Bewegung wurden zum synästhetischen Gesamtkunstwerk.

Ein nicht enden wollender Bildreichtum ließ in keiner Minute zu, dass die Spannung an diesem Abend verloren ging. Und als sich später die nackten Körper der Künstler beim Musizieren trafen, ja ineinander verschlangen, lag - ganz unaufdringlich und subtil - Erotik in der Luft. Es war ein Fest für den Körper und die Körperlichkeit. Wem könnte das mehr gefallen als der Heiligen Hildegard von Bingen.

Quelle: APA

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Aufgerufen am 29.11.2020 um 10:30 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/bingen-lieder-als-ode-an-die-koerperlichkeit-71033647

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