Kultur

Burgtheater-Direktor Martin Kusej: "Diese Krise kann uns stärker machen"

"... weil sie uns zwingt, Dinge und Situationen neu zu beurteilen und zu verändern", sagte der Burgtheater-Direktor und hält Regierungsmaßnahmen für "begründet und richtig".

Burgtheater-Direktor Martin Kusej. SN/APA/HANS PUNZ
Burgtheater-Direktor Martin Kusej.

Burgtheater-Direktor Martin Kusej sieht die Coronavirus-Krise auch als Chance: "Diese Krise kann uns stärker machen, weil sie uns zwingt, Dinge und Situationen neu zu beurteilen und zu verändern", sagt er in einem Mail-Interview mit der Wochenzeitung "Falter". Kusej hat sich in sein Kärntner Haus zurückgezogen und arbeitet dort neben dem Krisenmanagement an seiner "Maria Stuart"-Inszenierung.

"Maria Stuart" soll als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen am 16. August auf der Perner-Insel in Hallein Premiere haben. Ob dies programmgemäß über die Bühne gehen kann, ist ebenso ungewiss wie der Zeitpunkt, an dem das derzeit bis Mitte April geschlossene Burgtheater seinen Proben- und Spielbetrieb wieder aufnehmen kann. Angesichts von 230.000 Euro, die dem Haus wöchentlich an Karteneinnahmen entgingen, hoffe er, "dass uns die Ausgleichszahlungen für die Kurzarbeit ein gutes Stück helfen werden. Dennoch ist die Höhe der Verluste im Moment noch überhaupt nicht berechenbar. Das hängt davon ab, ab wann wir wieder spielen bzw. proben dürfen und ob wir dann gleich wieder in Vollbetrieb gehen können, wenn unsere Gäste noch in anderen Ländern feststecken."

Im Gegensatz zu vielen anderen Theatern bietet das Burgtheater noch keine Vorstellungs-Streamings an. "Das ist gar nicht so einfach. Es gibt viele rechtliche Fragen zu klären. Hier sind jetzt vor allem die Opernhäuser im Vorteil, die derlei Angebote auch sonst machen und planmäßig im Repertoire haben. Und naturgemäß erreicht man nie das, was Theater ausmacht. Aber wir können anders weiter Geschichten erzählen. Das ist das Ureigenste unserer Kunst. Die Ensemblemitglieder präsentieren auf unserer Website täglich eine Geschichte, die sie 'gerettet hat'. Und wir beteiligen uns an einer europaweiten vielsprachigen Lesung von Boccaccios 'Decamerone'. Zudem prüfen wir, ob wir Aufzeichnungen der Edition Burgtheater online zugänglich machen können", so Kusej im "Falter".

Er selbst fühle sich "wie ein Bergsteiger in der Wand, der keinen Griff zum Weiterklettern findet, aber schon zu hoch oben ist, um noch umkehren zu können. Aus dem vollen Lauf heraus ausgebremst." Der derzeitige Ausnahmezustand werfe viele Fragen auf. "Es war immer meine tiefste Überzeugung, dass es auf Dauer kein Leben ohne Kunst geben kann. Man würde irgendwann abwägen müssen, ob die Krankheit, die die Menschheit ohne Kunst befallen würde, nicht noch schlimmer wäre." Gleichzeitig bekäme man vor Augen geführt, "dass wir im selben Boot sitzen, dass wir alle gemeinsam auf dieser Erde sitzen, und es zeigt uns, dass wir in einem Krieg gegen die Natur den Kürzeren ziehen werden. Da ist es sicherlich auch verheerend, dass wir die Debatte zum Klimawandel und dessen Eindämmung gerade völlig einstellen."

Man habe nun auch die Möglichkeit, "über das Gefüge unserer Gesellschaften nachzudenken. Grundlegendes wie die Gesundheitsversorgung haben wir zu stark Aspekten der Wirtschaftlichkeit bzw. einer Profitorientierung untergeordnet. Offenbar wird wieder einmal, dass es gerade die Stützen unserer Gesellschaft sind - ob in medizinischen Berufen, der Altenpflege oder auch in der Versorgung durch Lebensmittel -, deren Beitrag sich nicht in ihrer Entlohnung widerspiegelt. Das ist uns alles kaum etwas wert."

Die Maßnahmen der Regierung findet Kusej "begründet und richtig", sieht jedoch bei den gesetzlichen Einschränkungen "die Gefahr einer Verstetigung": "Da müssen wir wirklich wachsam sein. Und es ist bestimmt angebracht und hilfreich, alles aufzuarbeiten, indem man die daran hängenden grundsätzlichen Fragen debattiert. Hier sehe ich auch eine Chance für das Theater, mit seinen Geschichten über die Legitimität von Macht etwas beizutragen."

Quelle: APA

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