Kultur

Burgtheater erwartet düsteres "Das Leben ein Traum"

"Ich bin in den vergangenen Wochen an die sechs, sieben Mal getestet worden." Am Filmset und am Theater wird getestet. Eben hat Norman Hacker "Schnell ermittelt" abgedreht, nun steckt er mitten in den Proben zur Burgtheater-Eröffnung mit "Das Leben ein Traum". "Wir haben zu 9/11 Premiere. Hoffentlich bleibt dieses Datum für uns ohne negative Bedeutung", merkt er im APA-Gespräch sarkastisch an.

Norman Hacker im Interview SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Norman Hacker im Interview

Proben unter Coronabedingungen seien wegen der Testungen zwar mühsam, "aber es ist nicht so, dass ich das Ganze ständig im Hinterkopf habe. Im Gegenteil, man ist froh, dass man ganz normal miteinander umgehen kann." Das setzt freilich auch ein umfassendes Verständnis für die außergewöhnliche Situation voraus. "Wir versuchen wirklich, diszipliniert zu sein. Die einzelnen Produktionsteams sind auseinandergezogen und haben untereinander keinen Kontakt, auch in der Kantine nicht. Natürlich weiß man nicht, was jeder Kollege privat nach 22 Uhr noch so macht - aber meist ist man nach der Probe eh so kaputt, dass man müde ins Bett fällt. Außerdem wir wissen alle, wie schlimm ein einzelner Infektionsfall für die ganze Produktion wäre."

Der 1962 geborene Österreicher, der mit Martin Kusej in der Vorsaison vom Residenztheater ans Burgtheater wechselte, war das erste Ensemblemitglied, das am 30. April die Burgtheater-Corona-Serie "Wiener Stimmung" eröffnete - mit dem Monolog "Die Säuberung" von Franzobel. Die Stimmung unter den Burgtheaterbesuchern sei derzeit der größte Unsicherheitsfaktor, meint Hacker. "Unser Publikum besteht ja zum Teil aus langjährigen, treuen Abonnenten. Werden die alle kommen? Ich glaube nicht." Schließlich müsse man sich bewusst sein, dass es Risikogruppen gäbe, die sich auch unter den besonderen Sicherheitsbestimmungen mit Masken und Abstand unwohl fühlte. "Ich sehe das bei meinen Eltern, Sie sind 81 und 76 Jahre alt. Sie haben einfach Angst. Und die wird ihnen ja auch gemacht!"

Wie sich das Burgtheater mit bloß 450 oder 600 Menschen im Zuschauerraum für die Spieler anfühlen wird, weiß er noch nicht so recht. "Ich glaube aber, bei 'Das Leben ein Traum' wird das nicht so eine große Rolle spielen, weil man ja nicht wie bei einer Komödie auf Reaktionen des Publikums angewiesen ist. Aber natürlich wird es komisch sein für uns."

Das 1635 uraufgeführte Stück von Calderon hat Norman Hacker bereits einmal am Thalia gespielt, in einer Inszenierung von Stefan Bachmann in einem Zirkuszelt an der Alster gab er den Sigismund, den Königssohn der von seinem Vater Basilius aufgrund der aus den Sternen gelesenen düsteren Prognose, dieser werde einst als Tyrann über Polen herrschen, weggesperrt wird. Diesmal ist er der Vater. "Er hat sein Leben der Wissenschaft gewidmet, sagt er. Daher möchte er, indem er seinen Sohn doch die Möglichkeit gibt, sich als gerechter Herrscher zu beweisen, untersuchen, ob die Planetenbahnen recht gehabt haben. Natürlich geht es bei dieser Vater-Sohn-Geschichte auch um die Schuldfrage, aber dieser Wissenschaftsaspekt ist angesichts der Coronakrise nicht uninteressant."

Ansonsten wirkt das Stück um den verbannten Sohn beim Wiederlesen doch reichlich fern von unseren heutigen Problemen. Wie flößt man dem Zeitgenossenschaft ein? "Die elementaren Grundprobleme, die ja auch den Shakespeare'schen Kosmos prägen, sind immer auf das Zeitgenössische zu beziehen", sagt Hacker: "Liebe, Macht, Angst, Tod - das alles bestimmt nach wie vor unser Leben. In 'Das Leben ein Traum' kommen auch Isolation und Aussperrung dazu." Und die nicht einfach klingende Verssprache? "Zum einen haben wir die Übersetzung von Johann Diederich Gries, die wir in Hamburg gespielt hatten, jetzt unter Zuhilfenahme verschiedener anderer Übersetzungen den Ohren eingängiger gemacht. Zum anderen mag ich die Herausforderung, im Versmaß zu spielen. Die Herausforderung ist, die schöne, gehaltvolle, komplizierte Sprache zum Klingen zu bringen und trotzdem den Inhalt verständlich zu machen."

Im Umgang mit dieser Herausforderung hat er Übung: "Ich hab ja wirklich viel Shakespeare gespielt in den unterschiedlichsten Übersetzungen, aber genauso ging es mir, als ich mit Werner Schwab an seiner 'Pornogeografie' gearbeitet habe", erinnert sich Hacker, der seinen Berufseinstieg am Wiener Ensembletheater am Petersplatz hatte, danach 14 Jahre am Schauspielhaus Graz engagiert war und von dort den Sprung an Thalia Theater Hamburg wagte. "Ich kann sehr zufrieden sein mit dem Verlauf meiner Karriere. Das Ensembletheater war meine Schauspielschule. Dort habe ich alles gelernt, was ich in Graz ausprobieren und weiterentwickeln durfte. Und als ich in Graz, wo ich auch 13 Jahre lang Kabarett gespielt und an der Uni unterrichtet habe, merkte, dass ich dabei bin, quasi die Frühpension anzusteuern, habe ich für mich die größte Herausforderung gesucht. Das war genau die richtige Entscheidung. In Hamburg musste ich mich als Nobody noch einmal völlig neu bewähren. Das war eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens."

Mit Martin Kusej, zu dem er 2011 ans Münchner Residenztheater wechselte, verbindet Norman Hacker seit 1988, seit einer Grazer Produktion von Enzensbergers "Der Untergang der Titanic" eine lange Arbeitsbeziehung, aus der auch persönliche Freundschaft wurde. "Er war ein junger Regisseur, ich ein junger Schauspieler. Wir mochten uns gleich, und das hat sich über die Jahrzehnte erhalten. Ich habe ein großes Interesse an seiner Sicht von Stoffen." Und was wird bei Kusejs Sicht auf "Das Leben ein Traum" herauskommen? Allzu viel möchte Norman Hacker nicht verraten. Stattdessen erzählt er lieber vom Horrorfilm "The Lighthouse" mit Willem Dafoe und Robert Pattinson, den er vor wenigen Tagen gesehen hat, und in dem es um zwei in einer ausgesetzten Situation aufeinander angewiesene Männer in einem Leuchtturm geht. Die Schwarz-weiß-Ästhetik dieses Films von Robert Eggers hätte ihn sehr an das erinnert, was die Zuschauer bei Kusejs Inszenierung erwartet, sagt Hacker: "Es wird sehr düster."

Quelle: APA

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