Kultur

Bychkov krönte die Grenzgang-Residenz im Musikverein

Mit einem üppigen Aufgebot aus Orchester, Chor, Solisten, Klavierduo sowie Sprecher und mit großen Werken von Viktor Ullmann, Leos Janacek und Bohuslav Martinu endete Sonntagabend die mehrtägige Residenz der Tschechischen Philharmonie im Wiener Musikverein. Gewidmet waren die Konzerte unter dem russischen Chefdirigenten Semyon Bychkov (auch Semjon Bytschkow) den Menschen in der Ukraine, gefeiert wurde im Rahmen des "Grenzgänge"-Festivals die Vielfalt der tschechischen Musik.

Semyon Bychkov im Wiener Musikverein SN/APA/AFP/JOE KLAMAR
Semyon Bychkov im Wiener Musikverein

Während aller Blicke mit Angst und Entsetzen Richtung Osten gerichtet sind, wo russische Aggression nicht zuletzt überwunden geglaubte Risse mitten durch Europa schmerzhaft in Erinnerung ruft, ist das "Grenzgänge"-Festival im Wiener Musikverein auch emotional ein Grenzgang: eine Feier, aber auch eine Trauerstunde, eine bittersüße, zugleich umfassende Würdigung der tschechischen Musik, der Nachbarschaft, der geografischen, kulturellen und menschlichen Nähe Wiens zum Osten Europas, damals wie heute.

Bychkov, der als gebürtiger St. Petersburger im Alter von 22 Jahren in die USA emigrierte, hatte den Angriff Russlands auf die Ukraine unmittelbar scharf verurteilt. "Es gibt Momente im Leben, wenn Schweigen im Angesicht des Bösen Komplizenschaft wird", hatte der 69-Jährige in einem Essay geschrieben. Russland und seine Bevölkerung werde "systematisch vom jenem Regime zerstört, das ihr Leben auf allen Ebenen beherrscht". Seit 2018 ist Bychkov Chefdirigent der traditionsreichen Tschechischen Philharmonie in Prag.

Für den krönenden Abschluss der Wiener Residenz wählte man ein echtes Großaufgebot: Janaceks "Glagolitische Messe" aus 1928 zählt hierzulande zu den seltenen Preziosen der liturgischen Musik, verfasst auf den altslawischen Messtext und mit Orchester, Orgel, Chor und Gesangssolisten besetzt, die in fulminanter, ständig beweglicher, mit Pathos gestreckter Lebendigkeit verwoben sind. Auch Martinus Konzert für zwei Klaviere und Orchester aus 1943, dargebracht von Bychkovs Gattin und Schwägerin, Marielle und Katia Labeque, entfaltet in seinem dichten Miteinander der Klangfarben eine ungeheure Vitalität und lässt swingende Herzlichkeit auf einen virtuosen Dialog der Flügel treffen.

Den Beginn des Abends machte ein in Kriegszeiten besonders erschütterndes Werk von Viktor Ullmann, das letzte, das er vor seiner Weiterdeportation nach Auschwitz im KZ Theresienstadt komponierte. Auf Ausschnitte aus Rainer Maria Rilkes lyrisch verknappte Soldatenprosa "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" schrieb der im Ersten Weltkrieg selbst freiwillig ins Militär eingerückte Ullmann eine stark dramatisierende Vertonung, die dem selbst schon zutiefst ambivalent gefärbten Text zusätzliches Zerrbild ist. Thomas Quasthoff donnert den Text vom Pult und verleiht der Künstlichkeit dieser Kriegsprosa mit sonorer Unerbittlichkeit ebenso berückenden wie schauderhaften Charakter. Für den langen und reichhaltigen Konzertabend gab es viel Beifall. Nachhören kann man ihn am 5. April, 19.30 Uhr auf Ö1.

(S E R V I C E - www.musikverein.at)

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