Kultur

Dante Alighieri ist heuer zu feiern

Nach Leonardo und Raffael können die Italiener schon wieder einen Großen feiern.

Dante: Detail aus aus einer Freskenserie von Andrea del Castagno, um 1450. SN/uffizien
Dante: Detail aus aus einer Freskenserie von Andrea del Castagno, um 1450.

"Uomo dell'anno" bejubelt ihn die italienische Tageszeitung "La Repubblica". Dieser Titel, "Mann des Jahres", ist auch 700 Jahre nach seinem Tod nicht übertrieben. Eher müsste man bei Dante Alighieri von einem Mann des Millenniums sprechen. Er geistert durch die Jahrhunderte, wird immer wieder neu entdeckt. Selbst wer noch nie einen seiner Verse gelesen hat, bringt das scharf geschnittene, fast ausgemergelte Konterfei unter einer roten phrygischen Mütze mit Dante in Verbindung.

Allerdings dominiert seit ein paar Jahren noch ein Dante die Suchmaschinen: Der brasilianische Fußballer Dante Bonfim Costa Santos hat mit dem FC Bayern ein paar schöne Titel erkickt. Über die 1:7-Niederlage Brasiliens gegen Deutschland im Halbfinale der WM 2014 wird er aber das Trikot des Schweigens geworfen haben. Ein Inferno war das für ihn und seine fußballmanischen Landsleute. Neben seinem klangvollen Namen ist das vermutlich die einzige Verbindung zum florentinischen Dichter.

Dantes Tour durch die Hölle - jetzt sind wir wieder beim Italiener - bildet den ersten Teil seiner "Divina Commedia" oder "Göttlichen Komödie". Geführt vom römischen Dichter Vergil durchschreitet er weit im Inneren der Erde neun Kreise der Qual. Dort sitzen die übelsten Schurken, das sind bei einem gebildeten Mann diejenigen, für die "die geistigen Werte" keine Rolle spielen, also Betrüger, Gewalttätige und überhaupt schlimme Sünder. Doch es geht auf dieser Expedition im Jenseits noch weiter durchs Fegefeuer und schließlich ins Paradies, wo Dante von seiner angebeteten Beatrice durch neun himmlische Sphären geleitet wird.

Mitte des 14. Jahrhunderts hat Giovanni Boccaccio mit seiner Biografie einen Kult um den von ihm bewunderten Vorgänger entfacht und ihn zum Renaissancehumanisten stilisiert. Doch Dantes Kosmos ist mehr im Mittelalter und in der Scholastik eines Thomas von Aquin verhaftet, seine "Commedia" ist Welttheater mit universalem Anspruch. Das unterstreicht am Ende die Schau der Dreifaltigkeit und die Verbindung seiner Seele mit der Liebe Gottes. Darunter tut es ein Dante nicht, zugleich sein Werk theologisch verankert.

Fast fünfzehn Jahre hat er an seinem Opus magnum gefeilt und es kurz vor seinem Tod am 14. September 1321 in Ravenna vollendet. Für die Italiener ist die Commedia, die nichts mit einer Komödie gemein hat, so wichtig, weil sie nicht wie seinerzeit üblich in lateinischer, sondern in italienischer Sprache geschrieben ist. Mit ihr beginnt also die italienische Literatur, auch wenn Stadtstaaten und Fürstentümer noch jahrhundertelang gegeneinander ins Feld ziehen sollten.

Dante hat sich in die Politik eingemischt und sogar 1289 an der Schlacht von Campaldino teilgenommen: Die Guelfen seiner Heimatstadt Florenz schlugen damals die Ghibellinen, die Arezzo und Pisa beherrschten. Fünf Jahre später übernimmt er ein politisches Amt und wird zuerst Capitano del Popolo, eine Art Stadthauptmann, und dann Mitglied des Priorats als oberstes Gremium von Florenz, verbunden mit diplomatischen Einsätzen. Es geht in diesen Zeiten turbulent zu, wer zu welcher Partei gehört, wer zum Papst oder zum Kaiser hält, ist kaum auszumachen. Dante setzt sich für die Autonomie von Florenz gegenüber dem römischen Lateran ein. Als im Jahr 1300 ein päpstlicher Legat in der Stadt eintrifft, kommt es zu Aufständen - und in der Folge zum Kirchenbann. Dante muss ins Exil, ihm droht sogar der Scheiterhaufen.

Die Quellenlage ist verwirrend, zumal er in seinem Werk dauernd Orte und Personen nennt, sodass bald jedes italienische Dorf behaupten darf, irgendwann vom Dichterhelden besucht worden zu sein. Deshalb werden die Feierlichkeiten zum 700. Todesjahr zum flächendeckenden Ereignis - mit coronabedingten Abstrichen.

In Florenz wurde Dante im Mai oder Juni 1265 in eine Kaufmannsfamilie aus niederem Adel geboren. Der Vater war Geldverleiher und ermöglichte dem wissbegierigen Sohn eine Ausbildung in verschiedenen Bereichen, vor allem der Philosophie und Theologie. In Florenz ist der junge Dante seinem Engel Beatrice begegnet, aber die junge Frau war längst einem anderen versprochen und - noch tragischer - starb mit 24 Jahren an einer Seuche. Wie später Petrarca sein weibliches Ideal Donna Laura besingen wird, hat Dante die innigsten Verse für die unerreichbare Geliebte gedichtet, etwa mit "Vita nuova", einer Sammlung von Sonetten und Kanzonen.

Heute liegen stets Rosen auf ihrem Grab in der Kirche Santa Margherita dei Cerchi - außerdem Zettelchen von Verliebten oder Hoffenden. Dabei weiß man nicht einmal, ob Dantes Beatrice womöglich dem Reich der Fantasie entsprungen ist. Ungeachtet dessen war Dante mit Gemma di Manetto Donati verheiratet und Vater von vier Kindern. Nur erwähnt er die Familie mit keiner Zeile; und Gemma ist ihrem Mann nicht ins Exil gefolgt. Ob man ihr das verdenken kann bei einem Gatten, der in einem fort von einer anderen schwärmt?

Nach dem Erfolg der "Divina Commedia" begann der Streit von Florenz und Ravenna um Dantes Gebeine. Diese kamen nicht in seine Vaterstadt, dennoch hat man ihm dort 1829 in der Kirche Santa Croce ein Grabmal errichtet. Und auf der Piazza davor blickt der einst Geschmähte vom Sockel auf die Passanten herab - wie immer mürrisch.

In den Uffizien ist das Jubiläumsjahr mit einer Kostbarkeit eröffnet worden: Auf www.uffizi.it kann man sich online durch die Illustrationen des Manieristen Federico Zuccari zu Dantes "Commedia" klicken. Das ist toller Stoff. Zur derzeit nur italienischen Erläuterung sollten bald englische Texte folgen.

Die Großausstellung der Uffizien über Dante ist von 12. März bis 4. Juli für Forlì geplant - auf dem Weg zwischen Florenz und Ravenna.


Quelle: SN

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