Kultur

Deutsche Museen sollen erste Benin-Bronzen bald restituieren

Mit den angekündigten Rückgaben von Kunstschätzen der als Raubgut geltenden Benin-Bronzen an Nigeria nimmt Deutschland aus Sicht der Bundesregierung international eine Vorreiterrolle ein. Angesichts der für das nächste Jahr vorgesehenen Restitutionen könne Deutschland das erste Land sein, das tatsächlich Bronzen zurückgebe, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Freitag dem Sender RBB Kultur.

Debatte um Rückgabe von Benin-Bronzen nimmt Fahrt auf SN/APA/dpa/Christoph Schmidt
Debatte um Rückgabe von Benin-Bronzen nimmt Fahrt auf

"Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands, koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten", hatte die CDU-Politikerin am Donnerstagabend nach der von ihr einberufenen informellen Runde gesagt. "Der Umgang mit den Benin-Bronzen ist dafür ein Prüfstein." Neben größtmöglicher Transparenz werden laut Grütters "vor allem substanzielle Rückgaben angestrebt". Bis zum 15. Juni solle eine Aufstellung aller im Besitz der Museen befindlichen Benin-Bronzen veröffentlicht werden.

Bronzen aus dem Königspalast des damaligen Königreichs Benin sind in zahlreichen deutschen Museen zu finden. Die Objekte stammen größtenteils aus den britischen Plünderungen des Jahres 1897. Auch im Berliner Humboldt Forum sollen nach bisherigen Plänen solche wertvollen Kunstschätze ausgestellt werden. Das Ethnologische Museum verfügt über rund 530 historische Objekte aus dem Königreich Benin, darunter etwa 440 Bronzen. 

Dessen Museumsleiter und Afrika-Spezialist Jonathan Fine wird mit 1. Juli wissenschaftlicher Direktor des Weltmuseums Wien, weshalb die Debatte um Rückgabe ethnologischer Museumsbestände an ihre Herkunftsländer auch hierzulande neuen Schwung erhalten dürfte. Denn Sabine Haag, Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums - das Weltmuseum ist im KHM-Museumsverband angesiedelt - hatte bei der Bekanntgabe der Personalie bereits angekündigt: "Der Fokus seiner Arbeit in Berlin liegt auf der Provenienzforschung mit dem Schwerpunkt Benin und Kamerun. Das wird er in Wien nahtlos fortsetzen." 

Berlins Kultursenator Klaus Lederer knüpft Bedingungen an weitere Ausstellungen in Deutschland. "Eine Präsentation von Benin-Bronzen etwa im Humboldt Forum kann ich mir nur vorstellen, wenn zuvor die umfassende rechtliche Restitution der Bronzen erfolgt ist", sagte der Linke-Politiker am Freitag in Berlin. "Für Leihgaben, die es ermöglichen könnten, diese Meisterwerke auch in Berlin erleben zu können, müssten wir außerordentlich dankbar sein."

Deutsche Museen sollen im nächsten Jahr erste Benin-Bronzen an Nigeria zurückgeben. Darauf verständigte sich eine Runde von Museumsexperten und politisch Verantwortlichen in einer Online-Schalte. Bis zu diesem Sommer sollen konkrete Handlungsschritte und ein Fahrplan für die Frage der Rückführung von Benin-Bronzen" entwickelt werden.

"Das ist ein historischer Schritt", sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, der Deutschen Presse-Agentur. "Wir hoffen, dass wir schon 2022 mit Rückgaben beginnen können." Laut Parzinger sind mit den nigerianischen Partnern "Gespräche über substanzielle Rückgaben und künftige Kooperationen" vorgesehen. Dabei soll auch geklärt werden, "unter welchen Bedingungen in deutschen Museen auch weiterhin Benin-Bronzen gezeigt werden können".

Ein nächster Schritt ist am 29. Juni die Sitzung des Stiftungsrates der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in dem Bund und Länder sitzen. "Wir werden dann sicher noch nicht über einzelne Objekte entscheiden, das muss mit Nigeria besprochen werden. Aber es wird, davon gehe ich jetzt mal aus, einen richtungsweisenden Beschluss geben", sagte Parzinger.

Vor dem Treffen hatte Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne) mit einem zeitlich getakteten Fahrplan zusätzlich Druck gemacht. "Wir haben uns gut verständigen können", sagte Bauer der dpa nach der Runde. "In der Angelegenheit ist die nötige Dynamik enthalten. Wir haben uns verständigt auf ein Vorgehen, mit dem wir die nächsten Meilensteine gesetzt haben."

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zimmerer kritisierte die Einigung. "So erfreulich das einmütige Bekenntnis zur substanziellen Restitution ist, so enttäuschend ist das Ergebnis des Benin-Gipfels insgesamt", sagte der Professor an der Universität Hamburg am Freitag. Statt "bedingungsloser Verpflichtung zur Rückgabe von Raubkunst" sei nur vage von einem "substanziellen Teil" die Rede.

"Die Beteiligten streben an, kurzfristig gemeinsam zu umsetzbaren Ergebnissen zu gelangen", heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Das soll begleitet werden von Gesprächen mit der nigerianischen Seite. Dabei soll mit den nigerianischen Partnern auch erörtert werden, "ob und wie Benin-Bronzen als Teil des kulturellen Erbes der Menschheit künftig ebenfalls in Deutschland gezeigt werden können".

Neben Gesprächen zum Aufbau eines in Benin-City geplanten Museums und den Rückführungen soll zudem die Zusammenarbeit zwischen deutschen und nigerianischen Museen und Einrichtungen weiter vorangebracht werden. Hierzu zählen etwa die Ausbildung zukünftiger Kuratorinnen und Kuratoren, Museumsmanagerinnen und Museumsmanager sowie der Aufbau kultureller Infrastrukturen. Dabei soll die Agentur für internationale Museumskooperationen des Auswärtigen Amtes eine wichtige Rolle spielen.

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