Die Freude am Lesen bringt andere in Not

Noch nie war Lesestoff so leicht erreichbar wie jetzt. Doch dies erzeugt nicht nur Euphorie. Der Buchhandel teilt mit, dass die Buchkäufer weniger werden.

Das Jammern ist der Händler Gruß. Dieses uralte Sprichwort wird gern bemüht, wenn zu hören ist, was jetzt vom Buchhandel beklagt wird: Die Buchkäufer werden weniger. Diesmal aber dürfte es kein Jammern über das ewig Gleiche sein. Denn den Büchern könnte bevorstehen, was den Landkarten seit den serienmäßigen GPS-Geräten in Autos und den tragbaren CD-Spielern seit Smartphone plus Streaming schon widerfahren ist. Und wer sich in Bahn und Bus umschaut, sieht Jugendliche längst nicht in Bücher, sondern auf Displays blicken. Manche schauen sogar nebeneinander auf Tablet und Smartphone.

Das schlägt sich nun in einer Statistik nieder (siehe Seite 7). Und diese Daten sind vermutlich nur eine Warnung dafür, dass die Veränderungen noch drastischer werden als sinkende Käuferzahlen bei einigermaßen konstantem Branchenumsatz. Es gibt nämlich noch weitere Anzeichen, dass das Erzeugen, das Vertreiben und das Genießen von Lesestoff einen epochalen Wandel erfahren. Zum Beispiel funktioniert eine Substitution von Papier auf Digital nicht so simpel, dass der Inhalt bloß umgetopft wird. Denn auch der Marktanteil von E-Büchern hat zu wachsen aufgehört und sich bei knapp fünf Prozent eingependelt - bei geringeren Preisen als für Papierbücher. Anders gesagt: Auch das E-Buch ist bisher kein Heilsbringer.

Veränderung heißt nicht unbedingt Verschlechterung. Dank Digitalisierung gibt es schon jetzt mehr Lesestoff denn je. Millionen Bücher - bis zurück zum mittelalterlichen Perikopenbuch - sind am Küchentisch oder vor dem Einschlafen per Antupfen mit der Fingerkuppe abrufbar. Und zumindest das Urheberrechtsfreie gibt es in der digitalen Welt zu beträchtlichem Teil kostenlos. Lesen ist also leichter und komfortabler möglich als je zuvor. Und Leser können in der neuen digitalen Welt - zunächst jedenfalls - schwelgen. Das ist die eine, die schöne Welt.

Doch was des Lesers Freude, ist die Ursache für die nagende Sorge, die das Schwinden von Buchkäufern, insbesondere von jungen Käufern, auslöst. Denn für Verlage und Buchhändler bringt die Digitalisierung Preisdruck, schwindende Zahlungsbereitschaft, geänderte Produktions- und Vertriebsabläufe und mächtige Konkurrenz wie Amazon. So etwas überleben erfahrungsgemäß Wendige und Starke, aber die anderen? Gefährlich wird es vor allem für jene, die qualitativ hochwertigen neuen Lesestoff anbieten. Kämen auch die in Existenznot, wäre eine Konsequenz: Die herrlichen Klassiker stehen gratis im Netz, und an Neuem gibt es künftig mehr Ramsch als je zuvor.

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