Kultur

Die Kafka-Neutronenbombe des Herrn Glass in Salzburg

Es sind monochrome Schlaglichter auf eine kafkaeske Szenerie, die "The Trial" im Salzburger Landestheater wirft: Aus Kafkas wohl bekanntestem Romanfragment "Der Prozess" hat Philip Glass 2014 eine Kammeroper destilliert, die Hausherr Carl Philip von Maldeghem nun als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Ein eleganter Balanceakt zwischen Albtraum und Satire, der gelingt.

Salzburg ist dabei wohl der passendste Ort für diese Erstaufführung, hatte hier doch bereits Gottfried von Einems Adaption "Der Prozess" 1953 ihre Uraufführung. Anders als der streitbare Vorgänger, arbeitet der mittlerweile 82-jährige Glass mit reduziertem Orchester, das lediglich aus einem Dutzend Musikern besteht. Dabei entsteht jedoch ein erstaunlich elaboriertes Klangbild, das mit einem Schwerpunkt auf Holzpercussion und starken Tempiwechseln eher an die Glass-Symphonien der vergangenen Jahre erinnert als a dessen frühere Arbeiten.

Dabei tut sich der Mitbegründer der Minimal Music eigentlich oftmals mit der großen Form leichter, was sich an heute legendären Opern wie "Einstein on the Beach" oder "Satyagraha" zeigt. Der bei der Kammeroper notwendigere Fokus auf die gesungene Sprache und das Wort führt bei Glass bisweilen zu Degradierung seiner Arbeit zur reinen Theatermusik, die ungemein bühnenpraktisch gedacht ist, sich gleichsam gänzlich in den Dienst des Stückes stellt, als eigenständiges musikalisches Werk aber entsprechend an Charakter verliert.

"Ich sehe meine Kammeropern als Neutronenbomben: Klein, aber mit furchtbarer Durchschlagskraft", hatte der durchaus selbstbewusste Glass am Rande der Uraufführung 2014 beschieden. Die Feuerkraft dieser Bomben beschränkt sich allerdings bisweilen auf das Potenzial einer Wasserbombe. Nicht jedoch bei "The Trial". Hier setzt der Komponist dramaturgische Akzente, unterbricht den für ihn charakteristischen fortwährenden Puls, findet für die zehn aus der Kafka-Vorlage destillierten Bilder durchaus eigene Schattierungen. So stellt "The Trial" eine klare Steigerung zur ungleich eindimensionaleren ersten Kafka-Adaption des Komponisten, "In the Penal Colony" nach der Erzählung "In der Strafkolonie", dar.

Und die Salzburger Fassung dieser zurecht weltweit erfolgreichen Kammeroper wird dem Anspruch gerecht. So dürfte Orson Welles' Filmadaption des Kafka-Stoffes für Bühnenbildner Thomas Pekny mit ihrer klaren, monochromen Linienführung Pate gestanden haben. Graue Wände tanzen aufeinander zu, bilden ein horizontales Labyrinth für die Protagonisten, während ein sich drehender weißer Riegel im Bühnenvordergrund mal als Barriere, dann wieder als Sitzgelegenheit oder letztlich Richtplatz dient. So elegant und streng sich das Bühnenbild präsentiert, so sehr arbeitet Maldeghem den bei Glass betonten Humor und satirischen Gehalt des symbolbefrachteten Werks heraus. Hier gelingt die Balance zwischen parodistischer Überzeichnung und dem Einbruch des Albtraums in die Realität.

Dass dieser Akt gelingt, liegt nicht zuletzt an der überwiegend starken Leistung des Salzburger Ensembles, an dessen Spitze Bariton George Humphreys eine stimmlich schnörkellose und textdeutliche Interpretation des unwissend vor den Mühlen seines Prozesses stehenden Josef K. abliefert. Als einziges Manko möchte er dessen Verlorenheit mit einem unabänderlichen Einheitsgesichtsausdruck verdeutlichen, der an jemanden erinnert, der in die Sonne blinzelt. Dabei bleibt Humphreys als einzigem der achtköpfigen Sängerriege der stete Rollenwechsel erspart, schlüpfen die acht Solisten doch in insgesamt 23 verschiedene Rollen, wobei vor allem der junge Bariton Jacob Scharfman, aktuell Mitglied im Internationalen Opernstudio, einen nachhaltigen, reifen Eindruck hinterlässt.

Alles in allem ist "The Trial", das Glass gemeinsam mit dem oscargekrönten Librettisten Christopher Hampton ("Gefährliche Liebschaften") erarbeitet hat, das fokussierte Destillat eines nur allzu bekannten, nur allzu aktuellen Werks der Weltliteratur. Und am Salzburger Landestheater wird dieses Brennglas mit großer Schärfe geschliffen.

Quelle: APA

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