Kultur

Dieter Nuhr mit Plädoyer gegen Dauer-Empörung

Dieter Nuhr steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Das Jubiläumsprogramm "Nuhr hier, nur heute" war am Samstag in der Linzer TipsArena erstmals in Österreich zu sehen. Würde sich der Kabarettist nicht aus Tradition dem Namenswortspiel verpflichtet fühlen, könnte es auch "Beruhigt euch!" heißen, denn es ist ein Plädoyer gegen kollektive Empörung, virale Panikmache und Schwarzmalerei.

Er freue sich in Österreich zu sein, weil "wir in Deutschland haben solche Probleme mit Rechtspopulisten", begrüßt er das Publikum, um gleich den "interessanten Versuch" zu diesem Thema in Österreich aufs Korn und auf aktuelle Ereignisse Bezug zu nehmen: "In Deutschland diskutieren auch viele, ob wir den Wolf abschießen sollen", die würden aber das Tier meinen.

Der Kabarettist philosophiert über Unisex-Toiletten - "Ich habe seit Jahrzehnten eine, es funktioniert" - und über computerspielende junge Leute, die sich nicht vorstellen können, dass Hausarrest früher eine Strafe war. Er denkt über eine schalldichte Burkas für Rassisten und Islamisten nach und über ein Problem der modernen Medienwelt: "Der klassische Bekloppte hatte früher exakt einen Follower", nämlich seinen Wirt, heute stehe ihm das Internet zur Verfügung.

Nuhrs darstellerische Palette ist gewohnt schmal, er geht in einem Radius von wenigen Metern auf der Bühne auf und ab, das Handmikrofon fest umklammert und spricht beinahe monoton hinein. Aber das ist genug. Sein netto etwa zwei Stunden dauerndes Programm ist ein Feuerwerk aus präzise gesetzten, intelligenten Pointen. Schenkelklopfer und billige Gags sucht man vergebens - vielleicht abgesehen von den gelegentlich eingestreuten Urologen-Witzen.

Aber Nuhr hat auch eine Mission: wider Schwarzmalerei und Panikmache, für Fakten und Hirn-Einschalten. Schließlich sei die Welt ständig besser geworden, seit er auf ihr ist. Wann war die "gute alte Zeit" nochmal? Als man das Klo am Gang hatte? Als man an einem eitrigen Zahn verendete? Im Ersten Weltkrieg? Im Zweiten? Nicht zu sehen, was erreicht wurde, und bei jeder kollektiven Empörung von der Pferde-Lasagne bis zur Schweinegrippe gleich das Ende der Welt an die Wand zu malen, bringt ihn sichtlich auf die Palme. Er lästert über Öko-Aktivisten - "in Deutschland geht man ins Baumhaus, wenn man an der Zukunft arbeitet, in China an die Universität" - ebenso wie über Diesel-Fahrverbote. So sehr, dass er sich nach dem Programm doch bemüßigt fühlt, Missverständnissen vorzubeugen: Klimaschutz sei eine ernste und wichtige Sache, aber er mag eben keine symbolhaften Maßnahmen und keine rituellen Empörungen.

In sich ruhend und unaufgeregt wie er ist, nimmt er es dann auch gelassen, dass als Zugabewunsch ein weiterer Urologenwitz gefordert wird - denn diese kurzen Auflockerungen sind die einzigen Teile seines Programms, die nicht aus seiner eigenen Feder sondern aus den Untiefen des Internet stammen.

( S E R V I C E - Dieter Nuhr: "Nuhr hier, nur heute", weitere Vorstellungen am 5. Mai, 19 Uhr in der Stadthalle in Graz, am 10. und 11. Mai jeweils um 19.30 Uhr in der Marx Halle in Wien https://nuhr.de/)

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Aufgerufen am 28.10.2021 um 04:11 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/dieter-nuhr-mit-plaedoyer-gegen-dauer-empoerung-69786133

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