Kultur

Durchgeknallt im Knallbonbon: "Endstation Sehnsucht"

"Endstation Sehnsucht"? Diesen Südstaaten-Klassiker von Tennessee Williams vermeint man zu kennen: Muffiger, proletarischer Haushalt, Sex und Gewalt, Alkohol und Testosteron, Schweiß und Unterleiberl. Im Volkstheater dagegen: Ein riesiger, kitschig-bunter Saal mit imposanter Showtreppe - ein wahres Knallbonbon, in dem sich lauter durchgeknallte Typen tummeln. Man glaubt sich im falschen Stück.

Das Credo lautet: "Ich will keinen Realismus. Ich will Magie!" SN/APA/HERBERT NEUBAUER
Das Credo lautet: "Ich will keinen Realismus. Ich will Magie!"

Man weiß den ganzen 130-minütigen Abend nicht so recht, warum die junge Regisseurin Pinar Karabulut das Stück derart radikal in eine Polly Pocket Version einer Hollywood-Villa umtopft und die Kowalskis als Role Models der Metrosexualität herhalten müssen (Bühne: Aleksandra Pavlovic, Kostüme: Johanna Stenzel) - aber es sieht fantastisch aus! "Ich will keinen Realismus. Ich will Magie!" Dieses Credo der Protagonistin Blanche hat Karabulut zum Motto ihrer Inszenierung genommen. Ein Einfall jagt den anderen, nicht selten wird bewusst und augenzwinkernd in Kauf genommen, dass der Text etwas ganz anderes erzählt als die Bilder. Es gibt Live-Video, Showeinlagen, einen veritablen, über die Stiege rauschenden Wasserfall und am Ende auch noch eine Feuerwand.

Wirkt es auch wie Wahnsinn, so hat es doch Methode. Das Ganze ist hoch professionell umgesetzt. Und macht Spaß. Auch den Schauspielern, die dafür sorgen, dass sich das wesentliche Drama des Stückes gut erzählt: die Lebenstragödie der Blanche DuBois, die taumelnd den Halt im Leben verloren hat. Steffi Krautz wirkt anfänglich wie eine typenmäßige Gegenbesetzung. Doch sie macht ihre Sache großartig. Sie hat herrliche Flirt-Szenen, bei denen sich ihre Liebessehnsucht mit routinierter Verführungskunst paart, sie hat mädchen- oder divenhaft ebenso drauf wie hart und herrisch, sie kann die Hüften ebenso schwingen wie den Baseballschläger.

Katharina Klar als ihre Schwester Stella versucht sich in mintfarbener Perücke als ausgleichendes, vermittelndes Element zu positionieren und wird dabei zerrieben. Denn die Männer sehen zwar anders aus als früher, tragen Stöckelschuhe, Perücken und fröhliche, bunte Outfits, doch sind sie dieselben Egoisten wie einst.

Jan Thümer legt schon seinen ersten Auftritt als Stanley Kowalski als gefährliches Kriechtier, als züngelndes Reptil, das Blanche gleich an die Wäsche geht, an - eine interessante Rollengestaltung weit jenseits der Vorbilder. Dass er und seine Kumpels, die in High Heels lustvoll die Treppe rauf- und runter staksen, deutlich konservativere Moralvorstellungen haben sollen als Blanche, der ihre leichtlebige Vorgeschichte zum Verhängnis wird, will man allerdings nicht recht glauben. In all diesem grellen Treiben schafft es Nils Hohenhövel als sich in Blanche verliebender Mitch eine zarte, melancholische, berührende Gestalt zu etablieren, die sich im Laufe des Stückes gegen die Härte des Lebens doch zu panzern versteht.

Blanche ist am Ende nicht nur Opfer, sondern auch Mater Dolorosa. In einer langen, furiosen Schlussszene, die gleich mehrfach dem vermeintlichen Ende noch eines draufsetzt, interpretiert Karabulut die "harte Tour", auf die Stanley seine Schwägerin in die Mangel nimmt, auf eine Art und Weise, dass man kaum hinzuschauen vermag, sie gönnt der Schmerzensmutter mit strahlendem Heiligenschein auch Entpuppung und Wunscherfüllung.

Die letzten Minuten sind noch einmal so etwas wie eine Kurzzusammenfassung dieses tollkühnen Abends: Nicht motzen, sondern Mut beweisen! Zeigen, was geht! Ohne Rücksicht auf Verluste. Auf diese Weise ist "Endstation Sehnsucht" eine deutliche Stellungnahme bei der Reise des Volkstheaters in eine ungewisse Zukunft, die soeben auf ein Abstellgleis umgeleitet wurde. Das Premierenpublikum jedenfalls zeigte sich am Freitag begeistert. Langer, lauter Applaus. Und viele glückliche, erschöpfte Gesichter auf der Bühne.

Quelle: APA

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