Kultur

Ein Frauenabend ohne Frau beim ImPulsTanz

Ein Männerabend ohne Männer stand am Freitag beim ImPulsTanz am Programm - oder doch ein Frauenabend ohne Frauen? Alles eine Frage der Perspektive, bewegten sich die beiden Tänzer Francois Chaignaud und Matteo Sedda in ihren jeweiligen Solowerken doch bewusst an den Gendergrenzen - oder eben doch gleich ganz im anderen Feld.

Den Auftakt im Volkstheater machte Chaignaud mit "Romances inciertos, un autre Orlando". Der auf Virginia Woolf anspielende Titel ist hier Programm. Vor dem Hintergrund romantischer Landschaftsgemälde inkorporiert der Franzose verschiedene Figuren, die vor allem eines eint - die "unsicheren Romanzen", also das Liebesleid.

Umspielt von einer vierköpfigen Liveband aus Bandoneon oder Viola da gamba, die spanische Weisen ins mediterran erhitzte Rund entlässt, gelingt es der androgynen Ikone Chaignaud, auf Stelzen eine stolze Spanierin ebenso akrobatisch wie virtuos zu interpretieren. Zugleich singt der aus Rennes stammende Künstler mal im Falsett, mal im Bariton und bricht damit eine eindimensionale Erscheinung. Es ist eine am Ende gefeierte Travestie ohne jede Form der gewollt oder ungewollt amüsanten Persiflage, die der Tänzer mit heiligem Ernst vollzieht. Humor hat hier keinen Platz.

Steht bei Chaignaud also das Kleine im Zentrum, das mit großer Geste präsentiert wird, stellt "The Generosity of Dorcas" gleichsam das Gegenteil dar. Der 50-Minüter ist eine Fingerübung von ImPulsTanz-Stammgast Jan Fabre, ein Powerlauf, der mit scheinbarer Leichtigkeit von Matteo Sedda vollführt wird. Die Arbeit ist eine jener Preziosen, die der sonst in großen Dimensionen denkende Fabre für die tragenden Säulen seiner Kompanie Troubleyn als Würdigung anfertigt.

Als narrative Klammer dient die Bibelgeschichte der Jesus-Jüngerin Dorcas, die als Näherin die Armen einkleidete und von Petrus nach ihrem Tod ins Leben zurückgeholt wurde. So hängen rund 200 Nähnadeln von der Decke des Odeons über dem Performer, der in einer mehrschichtigen Mischung aus Cowboy und asiatischem Tänzer mit weißen Handschuhen gewandet ist.

Im Laufe des Abends pflückt sich Sedda eine Nadel nach der anderen, um sich zeitgleich seiner Kleidungsstücke zu entledigen. Die Nadel und das Nähen werden hier als vermeintlich weibliche Attribute invertiert, gewendet als Symbole eines Tänzers, der federleicht im Stilpluralismus zwischen Modern Dance, Mikrogesten und Vogue ebenso changiert wie zwischen dem Geschlechterhabitus. Energetisch wirbelt Sedda durch die Musik von Dag Taeldeman, mit dem Fabre schon wiederholt zusammengearbeitet hat, und die den Tänzer nach vorne treibt. Am Ende steht ein strahlender Solist und viel Applaus für die Uraufführung. Die Nadel im Heuhaufen ist gefunden.

SERVICE: Weitere Termine von "The Generosity of Dorcas" am 4. und 5. August. www.impulstanz.com/performances/2018/id1213/)

Quelle: APA

Aufgerufen am 25.09.2018 um 11:05 auf https://www.sn.at/kultur/allgemein/ein-frauenabend-ohne-frau-beim-impulstanz-38374570

Schlagzeilen