Kultur

Ende eines Kapitalismus-Booms in der Kunsthalle Karlsplatz

90 Prozent seiner Arbeit bestünden aus Recherche, erzählte der in Singapur lebende Künstler Ho Rui An bei der Präsentation seiner Ausstellung "The Ends of a Long Boom" in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz, zu der er am Freitag via Video zugeschaltet war. Logische Konsequenz: Herzstück der essayistischen Schau ist ein Text, den er auf drei lange Bodenplatten gedruckt hat. In seinen Installationen verhandelt er den Einfluss des Neoliberalismus auf "Westen" wie "Osten".

Ausstellungsansicht "The Ends of a Long Boom" SN/APA/www.kunst-dokumentation.com/
Ausstellungsansicht "The Ends of a Long Boom"

Fünf Werke umfasst diese erste europäische Schau des Künstlers - und sie alle fußen auf seiner Analyse des 1997 veröffentlichten Artikels "The Long Boom: A History of the Future, 1980 bis 2020" der US-amerikanischen Zukunftsforscher Peter Schwartz und Peter Leyden. In den aus Videos und hinterbeleuchteten Plakaten bestehenden Ausstellung will er zeigen, dass die beiden mit ihrem "radikal optimistischen Szenario" schließlich falsch lagen, wie Ho erläutert. Das prognostizierte "Goldene Zeitalter" sei nie eingetroffen, die mit der Expansion des freien Markts erwartete "Freiheit, Offenheit und Nichteinmischung" sei eine Illusion geblieben.

So sei das rapide Wirtschaftswachstum Asiens ab den 1960er-Jahren mit der Krise von 1997 abrupt zu Ende gegangen, was Ho in der Installation "Asia the Unmiraculous" verhandelt. Dort steht vor allem die westliche Vorstellung des Kontinents, der schließlich durch seine Kolonialgeschichte geprägt sei, im Zentrum. Ein Teil des Werks besteht aus der Videoaufnahme eines Vortrags des Künstlers, in dem er den "ideologischen Wettstreit zwischen dem Neoliberalismus und dem Modell des Entwicklungsstaats, der inmitten dieses 'Wunders' stattfand" ausleuchtet. Dabei habe die "unsichtbare Hand des Marktes" mit der "interventionistischen Hand des Staates" konkurriert, wie es in der Werkbeschreibung heißt. Und so thront eine schwebende weiße Hand über einem kleinen Couchtisch, auf dem der Künstler Bücher aufgelegt hat, die einen nicht-westlichen Blick auf Asien bieten.

In einem weiteren Video bebildert Ho die Erzählung über jene Studenten, die im 19. Jahrhundert nach England geschickt wurden, um den westlichen Liberalismus kennenzulernen und die nach ihrer Rückkehr politische Schlüsselpositionen in der Meiji-Ära einnahmen. Hier arbeitet der Künstler mit abgefilmtem Archivmaterial, das er zu einer Erzählung montiert. Die Illusion des stabilen Kapitalismus versinnbildlicht er schließlich in einem Endlos-Loop eines Internet-Memes, in dem eine Euro-Münze auf dem Fensterbrett eines chinesischen Hochgeschwindigkeitszugs steht und nicht umfällt.

Wer sich noch vertiefend mit den Zugängen des Künstlers auseinandersetzen will, hat dazu am 18. September die Möglichkeit, wenn Ho Rui an in der Halle G im Museumsquartier die Performance "The Economy Enters the People" auf die Bühne bringt.

(S E R V I C E - Ausstellung Ho Rui An: "The Ens of a Long Boom" in der Kunsthalle Karlsplatz. Bis 10. Oktober. Infos unter www.kunsthallewien.at)

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